~ Mondseelen ~ [MMFF]

Ruf des Mondes

Verletzlich

Das Ticken wurde langsam unerträglich und immer mehr sehnte er dem Ende des Grauens herbei. Shane Westlake legte sein Kinn in die Handfläche, beäugte die Uhr an der Wand und wünschte sich gähnend, dass das verdammte Ding doch einfach schneller laufen könnte. Als er damals mit dem Psychologiestudium angefangen hatte, hatte er sich nicht vorstellen können, dass ihm jemals so langweilig sein könnte. Das Thema an sich war eigentlich auch nicht das Problem, denn Freud's Psychoanalyse was sogar eins seiner liebsten, doch hatte man Frau Schnarchnase dort unten als Professorin stehen wurde jede Vorlesung zur Zerreißprobe zwischen Gewissen und Müdigkeit. Wach bleiben, dachte er sich und ließ seinen Blick zu den Panoramafenstern gleiten, doch das trübe graue Wetter half nicht wirklich dabei. Also versuchte er sich wieder auf das Geschehen im unteren Teil des Hörsaals zu konzentrieren, was ihm genau zwei Sekunden lang gelang.
„...sechs Phasen der Entwicklung. Angeführt wird alles von der Oralen Phase, welche sich im ersten Lebensjahr abspielt. Dort wird...“
Oh Gott, dachte er sich, wie konntest du jemanden der einen solchen Beruf hat eine solch langweilige, ermüdende Stimme geben? Was, verdammt nochmal, hast du dir dabei gedacht?! Abermals glitt sein Blick zur Uhr. Tick Tack.... Tick Tack...
Er war der Erste, der seine Tasche packte und zur Tür schlürfte, als die Uhr das Ende der Vorlesung anzeigte. Er wollte nur noch so schnell wie möglich in sein kleines Apartment kommen und...
„Hey Shane!“
Widerwillig und innerlich seufzend wandte er sich dem Mädchen hinter sich zu. „Was gibt’s?“ meinte er etwas zu gelangweilt. Zoey hübsches Gesicht wirkte verwirrt als sie sich erkundigte ob auch alles in Ordnung mit ihm sei.
„Ja, alles okay“, versicherte er ihr „bin nur ziemlich müde.“
„Oh, aber unser Date heute steht noch, oder?“
Eine seiner Augenbrauen wanderte in die Höhe. Date?, überlegte er, verdammt welches Date...?
„Klar, denke ich... hilf nur meinem müden Gedächtnis etwas auf die Sprünge. Wo wollten wir hin?“
Sie schnaufte genervt auf und stemmte die Hände in die Hüften ehe sie mit ihrer unglaublich hohen Stimme erwiderte: „In den 'Green Club'!“ Als er die Augen aufriss und sich fragte, was um alles in der Welt ihn dazu getrieben hatte, wann auch immer zuzustimmen, bemerkte Zoey sein zögern.
„Verschieben ist nicht!“, fügte sie schnell hinzu.
Sich innerlich krümmend meinte er aber, dass das Date stehen würde. Größtenteils um einfach nur schnell nach Hause zu kommen...

Der Green Club was ein beliebtest Ziel für Studenten aus ganz London, was wahrscheinlich auch Zoeys Absicht gewesen war. Denn das Mädchen war kein großer Fan von Bescheidenheit, sondern eher der hemmungslosen Prahlerei. Und wer mit Shane Westlake ausgehen durfte, hatte auch einen Grund dazu. Schon allein sein Auto – ein Audi A8 – war ziemlich berühmt. Nicht, dass Shane sehr stolz auf seinen Wagen gewesen wäre, denn immerhin hatte er ihn nicht selbst gekauft. Er war eher ein Relikt der gestörten Beziehung zwischen ihm und seinem Vater gewesen. Einer seiner vielen Versuche Shane zu kaufen und auf den „rechten Weg“ zu bringen – seinen Weg. Letztendlich war es dem Jungen zu viel geworden und er war ausgezogen. Die Geschenke hatte er mitgenommen, denn geschenkt war geschenkt, oder nicht? Außerdem hatte ihn sein sogenannter Vater zu einem praktisch und strategisch denkendem Mann erzogen und was war strategisch besser für seine Zukunft als einen gewissen Ruf zu haben?
Nachdem er Zoey abgeholt hatte und nur den Kopf über ihren Aufzug schütteln konnte (das Motto: je kürzer, desto besser!), ignorierte er ihre Bitte den Wagen direkt vor dem Club zu parken und wählte stattdessen einen freien Parkplatz eine Straße weiter. Denn er wusste genau, dass sie vorgehabt hatte eine große Nummer zu machen, aber ohne ihn! Schmollend stöckelte das Mädchen die Straße zur Bar entlang, doch als sie ankamen schien alles vergessen. Sie hackte sich bei Shane ein und so betraten sie den Club. Zoey grinsend, Shane augenrollend. Um Gottes Willen, dachte er, wo bin ich hier denn gelandet? Schlimmer als im Zirkus!
„Oh sieh doch!“ meinte sie kurze Zeit später an seinem Arm quietschend und hüpfend „Da ist Stella! Was für ein Zufall.“ ... besonders, weil sie deine beste Freundin ist.
Sie zog ihn zu dem Tisch, an dem die Brünette mit zwei weiteren Freundinnen saß. Und kaum hatten sie sich zu ihnen gesetzt, fing das Geschnatter auch schon an. Wer hatte welche Klamotten an? Wer war wem fremd gegangen? Was hatte wer über jemanden gesagt? Schlagartig fühlte sich Shane in die alte Schulzeit zurückversetzt. Man hätte meinen können als Studentinnen wären sie erwachsener... falsch gedacht, Welt!, dachte er entnervt und legte wieder sein Kinn auf die Handfläche. Er war heute schon in der Vorlesung genug gelangweilt worden. Abermals ließ er den Blick durch den Club gleiten. Der Club machte seinem Namen alle Ehre. Grün war vorwiegend bei der Gestaltung verwendet worden, und zusammen mit dem Weiß, Braun und den geraden überschaubaren Linien lieferte er einen modernen Eindruck. Doch die Leute waren so ziemlich immer die selben... bis sein Blick in die hinterste Ecke des Clubs wanderte, denn das Mädchen dort hatte er noch nie zuvor gesehen. Mit dem übergroßem Sweatshirt, der weit ins Gesicht gezogenen Kapuze und den hellen Strähnen die darunter hervorlugten hätte er sie sicher wiedererkannt. Als hätte sie den Blick gespürt, schob sie ihr Haar zurück unter die Kapuze, dabei sah er trotz Sweatshirt, wie zierlich sie war. Ihre Finger bewegten sich wieder zu ihrem iPod, den sie trotz der guten Musik im Club zu bevorzugen schien.
„... was denkst du darüber, Shane?“, fragte Zoey neben ihm überspitzt freundlich. Doch er ignorierte sie einfach und beobachtete weiter das Kapuzen-Mädchen. Zoey jedoch ließ nicht locker und stellte die Frage noch drei Mal, ehe ihm der Geduldsfaden riss.
„Um ehrlich zu sein“, setzte er an und sah das gespannte aufblitzen in den Augen der vier Mädchen „halte ich euch alle für unglaubliche Zicken. Ich kann euch nicht ausstehen.“
Verdutzt beäugten sie ihn. Zoey setzte zum sprechen an, wusste aber anscheinend nicht genau, was sie sagen sollte, weshalb sie ihren Mund immer wieder öffnete und schloss, bis sie Shane an einen übergroßen Fisch erinnerte.
Das Licht ging mit einem lauten Knall aus, bevor er sich über sein Werk freuen konnte. Die Schreie der in Panik geratenen Gäste wurde immer lauter, da man seine Hand nicht vor Augen sehen konnte. Und auch als immer mehr Handys aufleuchteten wuchs die Panik, denn die ganze Masse an Menschen versuchte durch den Ausgang zu gelangen. Immer wieder wurde er angerempelt bis ihm kaum etwas anderes übrig blieb als der Masse zu folgen, während er hoffte, dass keiner stolpern möge, denn er hatte wenig Hoffnung, dass die Masse in einem solchen Zustand halt vor einem Gestürzten machen würde.
Auch als er aus dem Club kam, außer Atem und sich fühlte wie ein Boxsack, schien kaum Licht. Nur durch den trüben Mond hinter einer Schicht milchiger Wolken konnte man ein wenig sehen, bis ein paar Autos vorbei kamen, welche stoppen mussten um den panischen Menschen zu ermöglichen die Straße zu wechseln. Und als er sich umwandte, sah er im Lichtkegel eines Autos das Kapuzen-Mädchen stürzen. Wohl wissend, dass wenn er ihr nicht helfen würde, sie in der Masse untergehen würde, rannte er gegen den Strom zurück. Ein schweres Unterfangen, das ihm jedoch letztendlich gelang. Als er ankam schien es dem Mädchen aber gut zu gehen. Es hielt die Arme vors Gesicht, die Handflächen weit geöffnet und mit einem kleinen Abstand flimmerte die Luft um sie herum. Shane verstand nicht genau was das zu bedeuten hatte, doch zum fragen war, seiner Meinung nach, noch genug Zeit.
„Ich will dir helfen!“, rief er ihr über die aufgeregten Schreie der Anderen zu und streckte ihr eine Hand entgegen. Als sie die Arme herunternahm um ihre Hand in seine zu legen, sah er wie das Blut in dünnen Striemen ihre Wange hinunter lief, an ihrem Kinn abperlte und sich zu dem andern Bluttropfen auf ihrem Sweatshirt hinzugesellte. Sie war also doch verletzt. Er zog sie auf die Beine, stützte sie bis zu seinem Wagen und öffnete ihr die Tür. Doch sie sah nur zwischen ihm und seinem Auto hin und her. Sie zögerte.
„Ich weiß, dass deine Mutter dir bestimmt oft gesagt hat du sollst nicht mit Fremden mitgehen, aber ich will dir wirklich nur helfen!“ Ihr Stirn legte sich in Falten, als sie ihn skeptisch musterte. Anscheinend fand sie nichts wirklich gefährliches an ihm und stieg langsam ins Auto. Die Fahrt wurde zu einem richtigen Abenteuer, da keine Ampel funktionierte und auch sonst offenbar kaum jemand mehr auf die Straßenverkehrsordnung Rücksicht nehmen wollte. Außerdem war seine Begleitung nicht gerade von der gesprächigen Sorte. Shane schaltete das Radio ein.
„...Stromausfälle in vielen Teilen der Stadt. Experten schätzen den Schaden, der durch die Blitzeinschläge entstanden ist auf Millionenhöhe...“
„Soll ich dich ins Krankenhaus fahren?“, fragte er nach einer Weile. Das Mädchen schüttelte stumm den Kopf.
„Nach Hause?“ Abermals ein Kopfschütteln. „Wohin dann?“ Geduld war heute wirklich nicht seine Stärke.
„Ich weiß es nicht“, antwortete sie. Als er sie ansah, wusste er gleich, dass sie die Wahrheit sprach. Ihr schwerer spanischer Akzent hing noch in seinen Ohren nach, als ihr Blick in die Ferne glitt und ihre Augen dabei so müde wirkten, als hätte sie Jahrhunderte gelebt. Shane war zwar nicht sehr begeistert davon, doch er entschied sich dazu sie mit zu sich nach Hause zu nehmen. Das Sofa sollte für den Anfang reichen.
Der Stadtteil in dem Shane wohnte, war von den Stromausfällen