~ Mondseelen ~ [MMFF]
flipp' aus! Ich liebe Lunaris!"
Wahrscheinlich schon, dachte sich Lucera. Immerhin hatte sie das in den siebzehn Jahren die sie nun lebte nicht ein einziges Mal gehört. Anscheinend verriet ihre Miene, dass sie höchst unzufrieden war.
„Es tut mir Leid, aber das ist nun einmal meine Meinung.“, gab er zu bedenken und lehnte sich wieder zurück. Das quietschen der Bank ließ sie zusammenfahren. Bevor sich unangenehme Stille ausbreiten konnte, versuchte er abzulenken. „Was du gestern gemacht hast um dich zu schützen, ich meine dieses Geflimmer um dich herum, war das deine Fähigkeit? Sofern der Teil stimmt, ich bin auf dem Lunarisgebiet nicht wirklich fit.“
Sie nickte, legte die Karte beiseite und verstaute ihre Hände auf ihrem Schoß. „Sí, der Teil stimmt. Lunaris haben Fähigkeiten. Das kommt daher, weil wir euch körperlich weit unterlegen sind. Ein schlechter Versuch Gleichgewicht zu schaffen.“
„Und du machst Schilde?“
Ihre Mundwinkel zuckten nach oben. „No, das ist eine Möglichkeit meine Fähigkeit zu nutzen. Ich kontrolliere Wind. Gestern habe ich die Luft um mich herum so weit komprimiert, dass sie wie ein Schild dienen konnte.“
Shane schien sichtlich beeindruckt. „Und wie kommt es, dass ihr solche Fähigkeiten habt?“
Das war eine gute Frage, auf die sie selbst keine richtige Antwort parat hatte. „Ähm, also manche sagen, wir würden vom Mond abstammen. Deswegen auch die Bezeichnung 'Lunaris' aber so etwas kann man nun mal nicht wissenschaftlich nachweisen. Es gibt viele Spekulationen. Die meisten aber führen es auf einen bisher unbekannten Gendefekt zurück. Pero... ich weiß auch nicht recht, was ich glauben soll...“
Ihre Handtasche schwingend trottete sie an wunderschön dekorierten Ladenfenstern entlang. Innerlich schrieb sie sich eine Liste, was sie noch zu besorgen hatte, bevor sie nach Paris fuhren. Den Trip nach Frankreich hätte sie sich alleine niemals leisten können, was sie dazu antrieb eine schöne Karte zu kaufen. Valentina würde sie später beschriften und dann ihren Großeltern zukommen lassen die im Haus auf dem Land geblieben waren, während ihre Nichte sich auf den Weg in die große Stadt London aufmachte, getrieben von einer undefinierbaren Unruhe. Und jetzt kam auch noch Paris dazu! Wenn sie so darüber nachdachte klang das schon reichlich sonderbar. Doch sie hatte nie behauptet, dass sie ein normales Mädchen mit einem normalen Leben war.
Ihre Gedanken wurden je unterbrochen durch sehr starken Geruch. Ein Lunaris war in der Nähe. Menschen und Lunaris waren schwer zu unterscheiden für Laien. Doch Valentina hatte eben einen Riecher dafür, im wahrsten Sinne des Wortes. Zwar war es ihr anfangs auch schwer gefallen zu unterscheiden welcher Geruch nun auf einen Menschen und welcher auf einen Lunaris deutete, da jeder anders roch. Doch dann war ihr aufgefallen, dass sie Lunaris selbst auf längere Strecken riechen konnte und Menschen nur, wenn sie in ihrem unmittelbaren Umfeld waren. Und dieser herrlich frische intensive Kokosduft war von einem Lunaris! Sie folgte ihrer Nase und fand sich vor einem charismatischen kleinen Café an einer Straßenecke wieder. „Mary's Diner“ hieß der Laden. Zu euphorisch um weiter nachzudenken lief sie schnellen Schrittes durch das Lokal auf den letzten Tisch zu, wo ein zierliches Mädchen saß. Ihr gegenüber ein junger Mann. Jetzt konnte sie auch seinen Duft erkennen und war angenehm überrascht.
„Morgen!“, sagte sie breit grinsend, als sie vor dem Tisch stehen blieb.
Zwei erschrockene Gesichter blickten ihr entgegen und irgendwie kam ihr ein Gefühl auf, dass sie die Sache vielleicht doch etwas zu schnell angepackt hatte. Aber man begegnete nicht jeden Tag einer anderen Lunaris, denn viele lebten sehr zurückgezogen und gingen nur wenn nötig in die Öffentlichkeit.
„Guten Morgen?“, meinte der junge Mann eher fragend, und auch das Mädchen grüßte sie nach einer kleinen Ewigkeit, so kam es Valentina vor. Da sie nicht wusste ob der Junge Bescheid wusste, dass seine Begleitung kein normaler Mensch war, schob sie das Mädchen nähre an die Wand und selbst auf der roten Bank Platz zu finden. Dann beugte sie sich zu ihr hinüber um ihr ins Ohr zu flüstern. Das Mädchen wich jedoch aus, und sah den Jungen verwirrt an. Valentina musste lachen. Ich sollte wohl einen Gang zurück schalten, dachte sie und lächelte das Mädchen an.
„Ich beiße nicht, ich möchte dir nur etwas sagen. Bitte“, mit aufmunternder Miene zog sie sie am Oberarm nähre zu sich heran. Zwar ging Val nicht davon aus, dass der Junge Lippenlesen konnte, aber sie hob trotzdem eine Hand vor den Mund und das Ohr. Sicher ist sicher.
„Du bist eine Lunaris.“, flüsterte sie. Sofort spürte sie, wie die Muskeln an ihrem Oberarm sich unter ihrer Hand anspannten. „Aber keine Angst“, fügte sie schnell hinzu „Das bin ich auch.“ Sie ließ das Mädchen los um sie anzugrinsen. Das hübsche, aber dünne Gesicht zeigte so etwas wie Freude, jedoch überdeckt mit einer gehörigen Portion Skepsis.
„Weiß er es?“, fragte Val, dieses Mal machte sie sich nicht die Mühe zu flüstern und deutete mit dem Kinn in Shanes Richtung.
Die Blondine nickte. Ihre Augen glitten zu dem Jungen. Eigentlich hätte sie erwartet, dass er verdutzt da saß, doch er belehrte sie eines besseren, als er dahockte und gespannt die ganze Situation beobachtete, als würde er einen spannenden Krimi sehen.
„Sehr schön!“, lachte Valentina. „Dann lassen wir das mal mit der Geheimnistuerei.“
Die Kellnerin kam und brachte das Frühstück. Als sie Valentina fragte, was sie ihr bringen könnte, bestellte sie einen Kaffee.
„Bist du sicher, dass du überhaupt einen Kaffee brauchst. Du scheinst nicht wirklich müde zu sein“, stellte der junge Mann fest und nippte an seinem eigenen.
Valentina überging die Bemerkung. „Wie heißt ihr?“
„Shane“, meinte dieser zwischen zwei Schlücken. „Und die stumme Person neben dir ist Lucera.“
„Ich heißte Valentina. So genug der Formalitäten.“ Sie wandte sich Lucera wieder zu. „Sag mal, du hast bestimmt auch dieses... äh... Gefühl. Na ja, also dieses Ewtas, das sagt du sollst suchen?“
Zögerlich antwortete Lucera. „Ich denke ich weiß was du meinst. Si, dieses Gefühl kommt mir bekannt vor.“
„Gut. Hast du eine Ahnung, was das sein könnte? Oder wonach wir suchen sollen?“
Resigniert schüttelte sie den Kopf.
„Hm. Schade. Aber Zane und ich waren erst letztens in der Bibliothek. Wir haben ein paar Bücher durchsucht und na ja. Irgendwie steht in einem drinnen, dass alles in Paris ihren Ursprung hat.“
Shane tunkte die Ecke seines Croissants in die Schokolade und Biss herzhaft hinein. „Wer ist Zane?“, nuschelte er dabei ohne Val anzublicken.
„Ein guter Freund.“, meinte sie schnell.
Shane hielt inne. Er hob den Blick und sah ihr prüfend in die Augen „Nur ein guter Freund?“
Gott, der Typ war ihr vielleicht unsympathisch! Was ging ihn das bitte an?! Sie spürte förmlich wie ihr das Blut in den Kopf stieg. „Ja“, meinte sie aber fest „Nur ein guter Freund.“
Achselzuckend machte er sich wieder über sein Frühstück her.
„Was gibt es genau in Paris?“ Interesse spielte in Luceras ernsten Augen mit. Nervös fing sie an ihre Serviette zu einer festen Rolle zu drehen. Sie selbst schien es kaum zu bemerken.
„Wenn wir alles richtig verstanden haben, dann ist dort der erste Lunaris aufgetaucht. Also der Ursprung.“
Shane zog eine Augenbraue in die Höhe „Wenn ihr alles richtig verstanden habt?“
„Die Quellen sind etwas... äh... alt. Und bis jetzt hat sich anscheinend noch keiner die Mühe gemacht dieses sprachliche Debakel ins heutige zu übersetzen. Es ist also schwer alles zu verstehen was die Autoren genau meinen. Aber Paris wurde sehr oft erwähnt.... und der Mond.“
„Du bist also eine Verfechterin der Mondtheorie?“
„Ja“ gab sie eisern zu.
„Okey. Und nur weil da was von Paris steht wollt ihr gleich dorthin, ohne zu wissen wonach ihr sucht? Paris ist groß, Herzchen.“ Shane fand den Plan ziemlich undurchdacht. Sicher, er würde sie wohl kaum aufhalten, wenn sie wirklich dahin wollten. War ja nicht sein Problem, aber diese Unüberlegtheit!
„Wir haben nichts zu verlieren. Außerdem haben wir schon einmal einen Anhaltspunkt in einer Bibliothek gefunden. Vielleicht haben wir wieder Glück.“ Zugegeben, es war etwas einfältig zu glauben wieder so viel Glück zu haben. Aber wie sie schon gesagt hatte. Sie hatte nichts zu verlieren. „Kommst du mit?“, fragte sie Lucera hoffnungsvoll.
Sie nickte. „Ja ich komme mit. Das ist die erste Spur die ich habe und auch ich habe nichts zu verlieren.“
Valentinas Augen leuchteten. Sie hatte eine neue Lunaris gefunden. Vielleicht sogar einen neue Freundin. Anfangs war sie sich nicht sicher gewesen, ob das Gefühl das sie hatte, vielleicht nur sie betraf. Doch jetzt was sie sicher. Es ging nicht nur sie, sondern alle oder mindestens viele Lunaris etwas an! Ihre Zielstrebigkeit meldete sich. Sie würde herausfinden, was es damit auf sich hatte, mit Lucera, Zane und Shane an ihrer Seite. „Wunderbar! Dann können wir so schnell wie möglich die Karten für die Überfahrt kaufen. Zane wird sich freuen euch Beide kennen zu lernen.“
„Moment.“ Shanes zweite Augenbraue gesellte sich zu der anderen in die Höhe. „Was heißt hier 'euch kennen zu lernen'?“
„Du... kommst nicht mit?“, fragte Valentina. Vielleicht hatte sie sich geirrt, aber sie hatte geglaubt, dass Shane Luceras Freund war. Oder zumindest EIN GUTER Freund. Ups...
Seine Augen verhärteten sich. „Niemals...“
So ich hoffe wirklich, dass es euch gefallen hat.
Geplant hatte ich eigentlich mehr in diesem Kapitel, aber ich fürchte, dass es dann zu lang geworden wäre. Das mit dem einschätzen muss ich wohl noch üben :D :D
Liebe