Seine Welt

Prolog

Ich war spät dran. Mal wieder. Ausgerechnet heute hatte ich verschlafen, heute, an meinem ersten Tag auf dieser neuen Schule. Ich stand vor dem Spiegel und schaute mich an. Ich war zu dick. Und zu klein. Außerdem waren meine grünen Augen, die mir mein deutscher Vater vererbt hatte, untypisch für Japan und passten nicht zu mir. Seufzend zog ich den Bauch ein.
„Mizuki! Wenn du in fünf Minuten nicht fertig bist, fahre ich ohne dich!“, rief meine Mutter von unten. „Ich komme gleich.“, rief ich zurück.
Natürlich war ich zu langsam. Ich brauchte sieben Minuten und als ich die Küche betrat, sah ich durch das Fenster, wie der Wagen meiner Mutter um die Ecke bog. Verdammt!

Ich schnappte mir einen Apfel und meine Tasche, dann verließ ich das Haus. Am anderen Ende der Straße war eine Bushaltestelle, ich wusste nur nicht, ob der Bus auch an der Schule vorbeifuhr. Was machte es für einen Eindruck, gleich am ersten Tag zu spät zu kommen? Ich wollte gar nicht daran denken. Als ich die Haltestelle erreichte, wartete dort auch ein anderes Mädchen, etwa in meinem Alter. „Ähm, Entschuldigung.“, sprach ich sie an, „ich bin neu hier und ich weiß nicht, wie ich zur Schule kommen soll…“ Gleich darauf schämte ich mich der Worte wegen. Was würde sie jetzt von mir denken? Ein Mädchen, das nicht weiß, wie es zur Schule kommt? Aber sie lächelte mich an. „Kein Problem, du kannst den Bus hier nehmen, er kommt gleich.“ „Danke.“, murmelte ich. Sie sah mich verwirrt an. Ich spürte, wie ich rot wurde. „Was hast du da?“, wollte sie wissen und deutete auf meine Halskette. Ich hatte sie von meiner Urgroßmutter bekommen, ein wunderschöner glänzender Steinsplitter. Nun, nicht direkt Stein, er sah eher so aus wie eine Glasscheibe, die von der Sonne beschienen wird. Aber so sah er auch aus, wenn keine Sonne da war.
Ich zeigte ihr den Anhänger und ihre Augen wurden groß. „Ein Splitter des Juwels!“, rief sie aus. Nun war es an mir, verwirrt zu sein. „Äh, was?“, fragte ich sie irritiert. „Woher hast du das?“, fragte sie weiter. „Von meiner Urgroßmutter, aber warum interessiert dich das Teil so?“, stellte ich eine Gegenfrage. Danach schwieg sie bis der Bus kam. Ich wollte gerade einsteigen, da hielt sie mich zurück. „Was ist? Ich will an meinem ersten Tag nicht noch später kommen!“, sagte ich und versuchte, ihren Arm abzuschütteln. Die Türen des Busses schlossen sich und er fuhr weiter. „Super, deinetwegen kann ich jetzt auf den nächsten warten! Ist dir eigentlich klar, dass du nicht gerade nett bist?!“, fuhr ich sie an. „Du verpasst heute sowieso nur die Infoveranstaltung für Neue. Das kann ich dir auch alles erklären. Komm mit, schnell, ich muss-“ Ich unterbrach sie: „Es ist mir egal, was du musst! Ich weiß, dass ich jetzt auf dem schnellsten Weg zur Schule muss!“
„Bitte komm mit, wir müssen etwas ausprobieren. Es ist wichtig!“, bat sie mich. Ich sollte die Schule, noch dazu den ersten Tag, schwänzen, um einer Fremden, die dafür gesorgt hatte, dass ich den Bus verpasste, irgendeinen Gefallen tun?
„Bitte! Der Bus ist eh weg und der nächste fährt erst in einer Stunde!“ „Ich kann auch laufen.“, sagte ich wütend. Sie schüttelte den Kopf. „Es dauert nicht lange. Jedenfalls glaube ich das. Bitte komm mit mir.“, flehte sie. „Ich weiß nicht einmal, wie du heißt.“ „Kagome. Kagome Higurashi.“, stellte sie sich vor, „Und du?“ „Mizuki Hoshimai.“ Ich fuhr mir mit der Hand durch meine kurzen schwarzen Haare.
„Kommst du?“, fragte sie und machte einen müden Eindruck. Ich gab nach. „Okay.“

Kagome führte mich zu ihrem Haus. Jedoch betraten wir es nicht sondern gingen zu einem kleinen Schuppen, in dem sich ein alter Brunnen befand. Sie kletterte über den Rand und forderte mich auf, es ihr gleich zu tun. So langsam zweifelte ich an ihrer geistigen Gesundheit. Zögernd setzte ich mich auf den Rand. „Spring!“, sagte sie. „Bist du verrückt?“, fragte ich. Sie nahm meine Hand und zusammen fielen wir ins bodenlose schwarz. Nur – es gab keinen Aufprall.