Im Zeichen des Echos

Eine blutige Angelegenheit

Die Schulkantine der Oonomiya-High war wie jeden Tag von lautem Gebrüll erfüllt. Seitdem das neue Schuljahr begonnen hatte, drängten sich die Schüler noch mehr als vorher durch die schmalen Gänge. Der Grund? Es gab Zuwachs – und das nicht zu knapp. Insgesamt sechs fünfte Klassen und noch einmal genauso viele sechste Klassen wurden inzwischen gezählt.
„Mittlerweile lässt man wirklich jeden Bratz an diese Schule“, brummte Rukari genervt während sie in ihrem Mittagessen stocherte, welches ihrer Meinung nach von Jahr zu Jahr erbärmlicher wurde. Sie war nicht gerade DIE Vorbild-Optimistin, aber wer wollte es ihr schon verübeln. Bei den Nerven, die man an dieser Schule beweisen musste...
Ihr gegenüber sitzend hatte sich Maruko schon ihrer Nachspeise gewidmet.
„Würdest du entscheiden, wer an diese Schule kommt und wer nicht, wäre hier schon tote Hose“, erwidert sie der Schwarzhaarigen. Mehr als ein „Pff...“ hatte Rukari jedoch nicht zu entgegenen. Maruko knallte ihre nun leere Puddingschüssel auf den Tisch, sodass die Dritte im Bunde – Sayana – zusammenschreckte, und leckte sich die Lippen. Ihr Blick fiel auf Rukaris Pudding, den sie bisher noch nicht angerührt hatte.
„Magst du den noch essen?“, fragte sie mit gespielt kindlicher Stimme und machte große Augen. Ihr Finger deutete auf ihr Zielobjekt.
„Wirst du denn niemals satt?“, entgegnete Rukari harsch und schob ihr die Schüssel zu. Mit Begeisterung wurde sie von der beinahe ausgehungerten Maruko empfangen und sogleich genüsslich verspeist. Ein zweiter lauter Knall kündigte an, dass sie nun endlich fertig war.
„Könntest du das bitte lassen?“, meldete sich Sayana nun auch zu Wort. Sie sah von ihrem Buch auf und funkelte Maruko gefährlich an.
„Tut mir Leid, kommt nicht wieder vor“, äffte sie die Genervte nach und rollte nebenher mit den Augen. Sie stand auf, nahm ihr Geschirr und brachte es zu einem dafür vorgesehenen Tisch. Sie kam noch einmal zurück, um ihre Tasche und ihre Jacke zu holen.
Im Vorbeigehen erwähnte sie an Rukari gewandt: „Vergiss nicht, nachher zum Training zu kommen.“
„Hm...“, war die einfache Antwort.

Inzwischen saßen Sayana und Rukari in ihrem Englisch-Kurs. Maruko hatte Physik. Sie waren in unterschiedlichen Klassen und hatten verschiedene Kurse belegt. Rukari konnte die Englisch-Stunden nie ausstehen. Sie fand es zwar wichtig, Englisch zu können, und sie war auch recht gut, aber ihr Lehrer machte einfach langweiligen Unterricht. Sie hatte sich allerdings abgewöhnt, es ihm ständig auf die Nase zu binden, weil dann immer die Frage kam, was er denn besser machen solle und ob Rukari den Unterricht leiten wolle. Das wollte sie natürlich nicht, also ließ sie Stunde und Stunde über sich ergehen und hoffte auf das Pausenklingeln.
Von genau dem waren sie nun allerdings noch sehr weit entfernt. Wieder ging es um mass media. Fernsehen, Computer, Internet, Handy – schneller, besser, weiter, größer.
„Aufgrund des Aktualitätsbezugs...“, so hatte der Satz ihres teacher`s begonnen. Ja. Natürlich. Aktuell. Aktuell und langweilig. Ganz ehrlich: Jeder weiß darüber, was er wissen will. Und wenn es heißt: Bitte keine illegalen Downloads. Nunja, dann erst recht.
Rukari legte ihre Stirn auf die eiskalte Tischplatte und schloss die Augen. Plötzlich ertönte das Durchsage-Signal der Schule. Seltsam, dachte Rukari, normalerweise machen sie nur in den Pausen Ansagen.
Rukari Morioka bitte ins Sekretariat. Ich wiederhole: Rukari Morioka bitte ins Sekretariat.
Langsam hob sie den Kopf von der Tischplatte und sah sich um. Natürlich waren alle Blicke – selbst der ihres Lehrers – gespannt auf sie gerichtet. Sie stand auf und ging. Mit Besorgnis sah Sayana ihr nach.
Sie stand nun vor dem Sekretariat und klopfte. Da keine Antwort kam, öffnete sie einfach die Tür und trat ein. Auf alles war sie vorbereitet. Auf alles außer das.
Wenn sie nicht wüsste, dass sie wach war, würde sie denken, es wäre ein Traum. An der Sprechanlage stand ein großgewachsener Typ mit schwarzen Haaren und einigen wenigen weißen Highlights. Seine rechte Hand hatte sich in die Haare der wimmernden Sekretärin gekrallt. Sein eiskalter Blick lag auf ihr. Die weiße, leuchtende Iris seiner Augen ließ einen Schauer über Rukaris Rücken fahren.
Plötzlich packte er die Sekretärin fester an ihren Haaren, zog sie nach oben und schnitt ihr mit einer Klinge die gesamte Kehle durch. Rukari taumelte einige Schritte rückwärts aus der Tür und unterdrückte einen Aufschrei. Der leblose Oberkörper der Frau kippte zur Seite und die Blutfontäne, die aus ihrer Halsschlagader schoss, bedeckte den Großteil des Raumes und reichte bis auf den Flur hinaus. Schützend hielt sie sich die Hände vor ihr Gesicht und stolperte. Über und über mit dem Blut eines anderen Menschen besudelt versuchte sie sich wieder hochzukämpfen, rutschte aber mehrmals in der Lache aus. Als sie es endlich geschafft hatte, schlitterte sie unsicher und panisch weiter den Flur entlang. Sie hörte, wie etwas hinter sie geworfen wurde und kurze Zeit später rollte der Kopf der Sekretärin an ihr vorbei. Sie versuchte, ihn zu ignorieren. Nach und nach konnte sie wieder richtig gehen ohne auszurutschen und begann zu laufen. Sie passierte eine schwere Holztür und drehte sich um. Ihr Verfolger trat gerade aus der Tür, hob seine Hand, um mit einem Geschoss auf sie zu zielen und drückte ab. Rukari konnte nicht erkennen, was ihr entgegen kam, wandte sich rasch um und nahm ihre Flucht wieder auf. Zwei Sekunden später wurde sie von der Explosion mitgerissen und unsanft gegen eine Wand geschleudert.
Wie benebelt lag sie einige gefährliche Sekunden am Boden. Sie konnte erkennen, wie die dunkle Gestalt näher kam und wollte sich wieder aufraffen. Ihr Körper allerdings streikte. Sie schloss die Augen und versuchte Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. Im Moment schoss ihr alles Mögliche durch den Kopf. Wer war er? Warum attackierte er sie? Woher war sie ihm überhaupt bekannt? Etwas gestärkt nahm sie noch einmal all ihre Kraft zusammen und stützte sich an der Wand ab, um sich wieder aufzurichten. Inzwischen hatte der Angreifer schon die Tür erreicht und lugte durch das Glasfenster der Tür. Sein Blick streifte den ihren. Rukari wandte sich ab und wollte in Richtung Ausgang laufen. Sie stockte.
Und die anderen Schüler? Würde er sie überhaupt weiterhin verfolgen oder würde er noch weitere unschuldige Menschen töten wie er es mit der Sekretärin getan hatte? Das Mädchen fasste einen Entschluss. Sie lief am riesigen Ausgangstor vorbei an eine Wand, zerschlug mit ihrer Faust das Glas eines Feuermelders und löste ihn aus. Sie drehte sich um. Er war durch die Tür getreten und sein Blick war noch finsterer als vorher schon. Er zog ein langes, von silbernen Ornamenten überzogenes Schwert und stürmte auf Rukari zu. Sie hörte erste Stimmen von den alarmierten Schülern an ihr Ohr dringen. Kurz bevor der Fremde sie mit seinem Schwert durchbohren konnte, wich sie nach rechts aus und flüchte aus dem Schulgebäude. Es glitt wie durch Butter in die Wand ein. Er sah ihr nach, zog es wieder heraus, machte aber keine Anstalten, sie zu verfolgen.
Langsam verschwamm er vor ihren Augen, wurde schließlich durchsichtig und verschwand.
In diesem Moment irrten ihre Gedanken noch umher. Sie sah in die Gesichter der ersten herausstürmenden Schüler. Gedämpft nahm sie den Feueralarm wahr.
Allmählich kehrte ihr Geist in die Realität zurück. Während die hintersten Schüler weiter drängten, sahen sie nicht, welcher Anblick sich den Vordersten bot. Erst jetzt sah Rukari an sich herunter. Sie war von inzwischen getrocknetem Blut durchtränkt. Also war es doch kein Traum gewesen. Die Sekretärin musste wirklich tot sein. Und es sah so aus, als wäre sie der Täter. Aus dieser Affäre konnte sie sich definitiv nicht mehr herausreden.