-In Spite Ourselves-
Nachhall
Die Schönheit des purpurnen Sonnenuntergangs, der den Beginn der gewaltigen, dunklen Nacht einläutete passte kaum ins Bild. Er war so fehl am Platz, dass das gesamte traurige Schauspiel, an dem ich beteiligt war, fast schon grotesk wirkte. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages sollten sich warm auf meiner mittlerweile aschfahlen Haut anfühlen, doch meine Sinne streikten. Ich hörte nicht die Sanitäter die um mein Leben rangen und versuchten mich mit ihren Worten vor der Ohnmacht zu bewahren, fühlte nicht die Schmerzen, die von meinen zahlreichen Verletzungen und tiefen Wunden ausgehen sollten, schmeckte nicht das Blut auf meiner Zunge, dass mir aus dem Mundwinkel ran und roch auch nicht seinen mir so bekannten Eisengeruch. Der einzige Sinn der mir geblieben war, war das Sehen. Ich sah. Ich sah wie mein Blut eine kleine Strömung formte, zu ihm floss und seine Schuhsohlen rot färbte. Ich sah an ihm hinauf, bis mein Blick an seinen verschiedenfarbigen Augen hängen blieb. Sie waren weit geöffnet, der Schrecken der sich ihm bietenden Szene stand ihm ins Gesicht geschrieben. Ich sah wie sich Tränen in dem Auge sammelten, dass er von seinem verstorbenen Freund bekommen hatte um damit die Zukunft für ihn zu sehen. Doch sein Blick traf nicht den meinen sondern starrte auf das andere Mädchen, das ebenfalls auf dem Boden lag, in ihrem eigenen Blut badend. Ihre eins kastanienbraunen Haare hatten sich durch das dort klebende, bereits zu trocknen begonnene Blut schwarz verfärbt. Auch um sie hatten sich Sanitäter geschart, doch sie hatten ihre Hände in den Schoß gelegt. Einige schüttelten bei ihrem Anblick den Kopf, Andere betrachteten Kakashi, der etwas zu murmeln begonnen hatte, dass ich durch mein mich scheinbar umgebendem Vakuum nicht vernehmen konnte. Die zarten Gesichtszüge des Mädchens bewegten sich nicht mehr. Die lila Balken die sie sich so gerne auf die Wangen malte waren verschmiert. Ihre Lungen füllten sich nicht mehr mit Luft.
Plötzlich überkam mich panische Angst. Angst davor ihr in die Augen zu sehen und das zu erkennen, dass mir eigentlich schon klar war. Erschrocken stellte ich fest, dass ihr lebloser, matter brauner Blick mich anvisierte. Das hatte er die ganze Zeit. Da wurde mich auch sofort klar, was Kakashi gemurmelt haben musste. Ich schloss die Augen. Rettet sie. Die Sanitäter sollten was tun! Mir war zwar klar, dass sie bereits von uns gegangen war, aber ich wollte es nicht einsehen. Rettet sie. Sie sollten verdammt noch mal was tun! Ich wollte schreien, weinen, um mich schlagen... irgendetwas tun um meinen Emotionen ein Ventil zu bieten, aber ich war nicht mehr Herr meines Körpers und musste mit den verstörenden beengenden Gefühlen innerlich fertig werden. Noch ein Tod. Noch eine geliebte Person. Noch mehr Einsamkeit. Noch mehr Schmerz... das alles muss aufhören! Bitte, flehte ich im Gedanken, bitte lass alles aufhören! Mich packte namenloser Schmerz, qualvolle Panik durchströmte mich und ich drohte innerlich zu zerreißen. Etwas kühles legte sich auf meine Stirn und fing an über mein Haar zu streichen. Es war so tröstlich, dass ich meinen Körper aufseufzen spürte. Ich blickte auf und sah ihre milchige Silhouette. Ihr Geist, ihre Seele. Ich hatte mich bei ihrem Anblick etwas beruhigt, auch wenn ich dachte, dass doch genau dieser Anblick für eine Panikattacke am geeignetsten wäre. Aber meine beste Freundin strahlte wie zu Lebzeiten Trost, Mitgefühl und Liebe aus. Sie stand auf, ging langsam und schwebend auf Kakashi zu um ihn zu küssen. Er sah sie nicht. Sah nicht was ich sah, war dem Tode nicht so nah wie ich es war. Rin!, dachte ich beschwörend geh zurück in deinen Körper. Geh nicht weg, geh bitte nicht weg. Lass uns nicht alleine! Als hätte sie meine Gedanken gehört, wandte sie sich wieder mir zu, lächelte und sagte durch das Vakuum klar und deutlich zu mir: „Ich grüße die Anderen von dir.“ Langsam lösten sich Rauchschwaden von ihr und sie verblasste. Mein Blick glitt zu Kakashi. Nur noch wir beide. Doch ich wusste, dass noch einer von uns gehen musste. Und das würde bestimmt nicht er sein...
Schlagartig saß ich wieder in der Vorlesung. Der monoton klingende, gelangweilte Professor erzählte etwas während ich versuchte mein rasendes Herz zu beruhigen, meine Gedanken wieder unter Kontrolle zu kriegen, die Erinnerungen die so schmerzten zurückzudrängen. Nichts davon gelang mir und das Einzige, das ich wieder einmal sah war ihr aller Tod...