Über Weihnachtsäste & fragwürdige Einsamkeit
Weihnachten nicht ganz allein
Wieder einmal seufze ich resigniert. Gefühlt zum hundertsten Mal. Aber ich habe auch allen Grund dazu, denke ich bitter. Immerhin ist es das erste Weihnachten, dass ich nicht bei meiner Familie verbringen kann. Genauer genommen trennen mich circa 1.500 km von ihr.
Ich drehe mich auf meinen Bauch und schaue schmollend aus dem Fenster, wo die dicken Schneeflocken Dublin unter eine weiße, kalte Decke hüllen. Es ist wirklich nicht so, dass ich Irland nicht mag, im Gegenteil! Ich liebe dieses Land wie verrückt, deshalb habe ich es auch für mein Auslandssemster meines Studiums ausgewählt. Aber, wenn ich gewusst hätte, dass ich deswegen Weihnachten nicht daheim sein kann, hätte ich es mir zwei Mal überlegt... und sicher trotzdem gewählt.
Langsam werde ich sauer auf mich selbst, denn wenn ich etwas absolut nicht leiden kann, dann ist es Selbstmitleid. Also setzte ich mich auf und überlege, womit ich mich ablenken kann. Das Erste, das mir einfällt, ist Fernsehen! Das Problem an der Sache ist, dass ich hier in meinem Wohnheimzimmer keinen besitze. „Ich brauche keinen...“, hatte ich meinen Eltern damals beim Einzug versichert, „...bestimmt werde ich keine Langeweile hier haben!“ Denkste!, denn meine Freunde haben es noch rechtzeitig nach Hause geschafft und feiern jetzt schön mit leckerem Essen und ihren Liebsten an ihrer Seite. Nur ich hatte wieder etwas mit dem Bestellen meines Flugtickets getrödelt – typisch – und kann nun alleine feiern.
Okay!, denke ich mir, was könnte ich noch anstellen? Ich schalte meinen Laptop an und versuche es mit Facebook, wobei ich auch diese Idee sofort in die Tonne kloppe, da die meisten Leute Bilder von ihrem Weihnachtsessen posten oder Feiertagsgrüße versenden. Genervt stöhne ich auf und lasse meinen Kopf auf meinen Schreibtisch fallen. Es gibt einen dumpfen Schlag. Klasse, jetzt hab ich auch noch Kopfschmerzen... Ich reibe mir meine Stirn und linse wieder nach draußen. Die Flocken haben sogar noch an Größe zugenommen, dass man in dem Schneegestöber kaum noch etwas erkennen kann. Ein Schauer jagt mir durch den Körper und instinktiv schlinge ich meinen dicken, blauen Wollpulli enger um meinen Körper.
Ich schrecke kurz auf, als mein Handy klingelt und das Bild meiner Mutter, wie sie ihre Zunge in die Kamera streckt, auf meinem Bildschirm erscheint.
„Hallo, mein Schnatzi!“, sagt sie fröhlich. 'Schnatzi' war ein Versprecher gewesen, als sie sich einmal nicht zwischen Schatzi und Schnecke entscheiden konnte und aus Versehen einen Mix aus beiden gemacht hatte. Seit dem heiße ich bei ihr nur noch 'Schnatzi'. „Ich hoffe du bist nicht all zu alleine.“
Doch bin ich. „Nein, ist alles in Ordnung.“
„Hast du dir wenigstens einen Weihnachtsbaum aufgestellt?“
Ich schaue auf den Tannenast, den ich mir gepflückt und zwei Kugeln drauf gehängt habe an und antworte rasch: „So in etwa, ja.“
„Dann hast du etwas Weihnachtsfeeling. Deine Schwestern wollen di- EMMA! WIR VERMISSEN DICH!“, hallt es aus dem Hintergrund hervor. Für meine Schwestern ist es auch sehr schlimm, dass ich nicht da sein kann, besonders für die kleinste von beiden, die erst zehn Jahre alt ist.
„Ich euch auch!“, rufe ich. Dann reden wir noch fast eine halbe Stunde über Geschenke, den neusten Tratsch und Gott und die Welt, bevor mein Vater alle zum Essen ruft. Weihnachten ist seine Kochzeit. Nur er kriegt die Ente so wunderbar hin! Und schon läuft mir das Wasser im Mund zusammen, toll. Alles, was ich heute bekomme, ist eine Tiefkühlpizza - zur Feier des Tages - und ein angeknabberter Marmorkuchen von gestern. Wir verabschieden uns und trotz dessen, dass dieser Anruf mich aufheitern sollte, fühle ich mich deprimierter als zuvor.
Aber da ich ja wie gesagt Selbstmitleid nicht leiden kann, reiße ich mich zusammen und sehe wieder auf das Display meines Laptops. Ich fixiere die URL-Leiste an, als würde, wenn ich mich nur stark genug konzentriere, die erlösende Seite von selbst aufploppen. Tut sie aber nicht, Pech.
Gerade, als ich an die Ecke fasse um meinen Laptop zuzuklappen, fällt mir eine Seite ein, die ich schon länger nicht mehr besucht hatte. 'animemanga.de'.
Ich tippe die Buchstaben gekonnt in die Leiste und schon baut sich die Page vor mir auf.
Ich bin anfangs etwas überrascht, dass ich den Namen und das Passwort noch kenne, aber wenn ich es mir recht überlege, sollte es das gar nicht, denn animemanga.de war mir damals ziemlich wichtig gewesen. Es war kein Tag vergangen, an dem ich nicht die Fanfiction- und Fanartbereiche nach Neuheiten durchstöbert hatte. Doch als das Studium kam, wurden meine Besuche immer lauer, bis ich sie vor einem halben Jahr gänzlich eingestellt hatte. Schade eigentlich, dachte ich mir.
Es macht Spaß mich durch die Seite zu klicken, alte Animes anzusehen und Fortsetzungen von Geschichten zu lesen. Bevor ich mich versehe, sind schon zwei Stunden vergangen und ich bemerke, dass ich Hunger bekomme. Also mache ich eine kleine Pause, schiebe mir meine Pizza in den Ofen und stelle den Wecker, damit ich sie ja nicht vergesse – bin ja schusselig!
Zurück am Laptop bemerke ich in der Menüleiste der Seite das kleine 'Stats' und bewege meine Maus darüber. Ein Dropdown zeigt zwei Zahlen an: die Mitglieder im allgemeinen die Online sind und meine Freunde die Online sind. Meine Freunde-Online-Zahl beträgt knallharte: 0.
Die andere Zahl beschränkt sich an diesem Feiertag auf überschaubare 31 Personen. Hm, bin wohl nicht die einzige Einsame hier. Zum Spaß lese ich mir die Namen durch und bleibe bei einem User hängen: „Jackie-Chun“. Oh, ein Dragonball Fan, denn Jackie Chun ist ein Charakter daraus! Das war damals mein liebster Anime und nicht nur meiner fällt mir auf, als ich in Erinnerungen schwelgend das Profil inspiziere. Es gehört einer jungen Frau, 19 Jahre alt und ihr Name ist Sophie. Obwohl ich keine Ahnung habe wieso, ist sie mir sofort sympathisch und ich überlege mir im Ernst, ob ich ihr nicht schreiben soll. Doch ich schüttle die Idee ab, als mein Handywecker klingelt und mich an meine Pizza erinnert.
Nach dem Essen weiß ich wieder nichts mit meiner Zeit anzufangen, fasse mir also ein Herz und tippe eine Nachricht ein, in der ich ihr schreibe, dass ich sie an Weihnachten eigentlich nicht stören will, mir ihr Profil aber sehr gefällt und ich einfach nichts anderes zu tun habe. Zu meiner Überraschung schreibt sie relativ schnell zurück und fragt, ob ich denn ein Dragonball Fan bin, dass mir ihre Seite so gefällt und, dass es ihr nichts ausmacht, dass ich ihr jetzt schreibe, denn ihr ist genauso langweilig.
Anscheinend ist sie alleine zu Hause, weil ihre Eltern über Weihnachten in die zweiten Flitterwochen geflogen sind. Sie dachten sie wäre alt genug um sie einmal alleine zu lassen, aber in Wahrheit findet sie das gar nicht gut. Immerhin hätten sie auch früher oder auch später fahren können, aber doch nicht über die Feiertage. Doch sie hatte nichts gesagt, das konnte sie ihren Eltern einfach nicht antun.
Sophie ist wirklich prima. Wir unterhalten uns viel über die Staffeln und befinden beide Dragonball GT für den schlimmsten Fehler der Macher. Wir diskutieren darüber, was wir uns wünschen würden, wenn wir alle Dragonballs finden würden. Sie hätte gerne Geschwister – was ich wirklich verstehen kann – und ich würde gerne eine Weltreise machen.
Ich habe Tee gekocht, futtere meinen Marmorkuchen und verschlucke mich regelmäßig, wenn sie etwas lustiges schreibt... was sie oft tut. Irgendwann habe ich Bauchschmerzen, wobei ich nicht richtig sondieren kann, ob das vom Husten oder lachen kommt.
Nach einiger Zeit kommen wir auf das Thema Fanfictions. Wir beide schreiben gerne, wobei ich das eher für mich alleine mache und sie die Geschichten gerne online stellt. Also fange ich an, neben dem Chat auch ein paar ihrer One-Shots zu lesen und bin beeindruckt. Ihr Stil ist richtig fesselnd und das sage ich ihr auch. Da haben sich zwei gefunden denke ich, lächelnd.
Stunden vergehen, und erst als ich abermals nach draußen sehe und es so dunkel ist, dass ich jetzt nicht einmal den Schnee entdecken kann, bemerke ich, dass wir über drei Stunden geschrieben haben. Schweren Herzens, aber doch ziemlich glücklich, bedanke ich mich für ihre Ablenkung von diesem einsamen Weihnachtstag. Einsamer Weihnachtstag... ich fange an zu grübeln, denn eigentlich war ich nicht wirklich einsam. Obwohl niemand mit mir Weihnachtslieder gesungen, mit mir ein Festessen geteilt oder mit mir Geschenke ausgepackt hat, war ich nicht alleine. Nein, ich hatte sogar Spaß, muss ich mir eingestehen und sinke, nachdem ich mich verabschiedet habe, lächelnd in mein Bett und vergrabe mich tief in den Lacken. Nur noch ein Feiertag zu überstehen, denke ich. Bevor ich gänzlich weg döse, entschließe ich, dass ich nun öfter auf animemanga.de vorbeischauen werde. Das wird mein guter Vorsatz für das neue Jahr.
Am nächsten Tag wache ich mit einem Grinsen über das ganze Gesicht auf und strecke mich genüsslich. Das Erste, was ich an diesem zweiten Weihnachtsfeiertag mache, ist in der URL-Leiste „animemanga.de“ einzugeben. Und was ich finde, ist eine Nachricht von 'Jackie-Chun', in der sie mich fragt, ob wir nicht zusammen eine Fanfiction schreiben wollen. Der zweite Tag wird wohl auch nicht langweilig, denke ich und antworte ihr.
Ich hoffe, dass euch die Kurzgeschichte gefallen hat.
Ich habe sie für den Adventskalender '13 geschrieben :)
LG, Vesta