Fanfic: Berührungen ½ [8] - Finale -
die alte Dorfbewohnerin entgeistert aus. „Es ist so weit, Genma. Sie beide sind sich in diesem Augenblick ganz nah. Es trennen sie nur noch wenige Meter! Spürst du nicht die Kraft?! Ninshiki lässt dich deine Liebe wiederfinden, deinen Schmerz der Trennung von Nodoka neu erfahren. Und deine Tränen machen Ninshiki no Izumi nur noch stärker!!“<br />
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Die Wände des kleinen Hauses begannen leicht zu beben. Unmelodisch klimperten die vielen Tassen und Teller aneinander. Genma hielt sich schmerzverzerrt seinen Kopf. Immer mehr von dieser Nässe, die er über die Jahre schon fast vergessen hatte, stieg in seine Augen. „Nodoka!“ weinte er. Hinter seinen Tränen nahm er nur noch wie durch dickes milchiges Glas die Silhouetten seiner Umwelt wahr. „Nodoka... bitte verzeih mir!“<br />
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Der in ihm aufkriechende Schmerz raubte ihm alle Sinne. Er nahm überhand über seine Nerven, sodass Genma bald alle Kraft verließ und er ohnmächtig zu Boden sank.<br />
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Voller Elan stapfte Ranma durch den Wald, der sich ganz langsam durch das erste Tageslicht der lauen Morgensonne erhellte. Seine Entscheidung war gefasst. Er wollte sich bei den freundlichen Dorfbewohnern für ihre Gastfreundschaft bedanken und dann so schnell wie nur irgend möglich heim kehren, um ein für allemal aus Akanes Mund zu hören, wie die Dinge stehen, anstatt sich alles wie bisher selbst zusammen zu reimen. <br />
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Gut gelaunt summte er begleitend zum ersten Gezwitscher der Vögel des langsam anbrechenden neuen Tages leise eine Melodie vor sich hin. Doch plötzlich hielt er inne. <br />
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„Das Haus des Mädchens“, murmelte er etwas erschrocken vor sich hin. Dann erst wurde ihm wieder bewusst, was er die ganze Zeit mit sich herum geschleppt hatte. Neben der kleinen Schatulle in der einen Hand trug er auch noch die große gelbe Schleife in der anderen. Er grübelte für einen Moment. „Sie muss ihr gehören. Und sie will sie sicher gerne zurück haben.“, überlegte er. „Allerdings... Wenn sie ihr tatsächlich gehört, scheint sie nicht ganz klar im Kopf zu sein. Mich einfach so nachts mit einem Kuss zu überfallen. Dabei kennen wir uns noch nicht einmal.“ Ein wenig ängstlich, möglicherweise bald von einer weiteren ’Verlobten’ heimgesucht zu werden, legte er den Mund schief. <br />
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„Was soll’s?“ winkte er mit einem Lächeln ab. „Aus der Sache bin raus. Wer auch immer kommen mag und beschließt, sich an mir zu heften, wird von mir zukünftig nur noch eines hören: Ich bin bereits glücklich verlobt.“ <br />
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Zu sich selbst nickend trat er auf die kleine Hütte zu, aus deren Fenster ein schwaches Licht leuchtete. <br />
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„Eiei... Eine Frühaufsteherin, was?“ stellte er für sich in Gedanken fest und klopfte vorsichtig an der hölzernen Tür.<br />
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„WAS ZUR---?!“ entfuhr es ihm plötzlich, als die Erde ein wenig zu beben begann. <br />
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Haltsuchend tastete er sich an der rauen Hauswand entlang bis er schließlich das Fenster erreichte und nach einem der Läden griff. Sehr wackelig auf den Beinen wandte er sich leicht um. Erschrocken hielt er den Atem an. Das Mädchen stand direkt vor ihm! Sie war es tatsächlich. Wenn er auch zuvor nur neben sich mitbekommen hatte, wie sie davon gelaufen war, so konnte er sich noch genau an das Muster ihres Yukatas erinnern. Mit dem Rücken zu ihm gewandt hielt sie sich an einen schlanken Baumstamm fest und murmelte: „Oh nein... jetzt ist mir die Schatulle heruntergefallen.“<br />
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Auf einmal war alles wieder still. Das Rascheln der Baumkronen verschwand, so auch das Knarren des Holzes. Alles war ganz ruhig.<br />
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Etwas unbeholfen räusperte sich Ranma. Der schmale Körper des Mädchens zuckte zusammen. <br />
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„Ehm... entschuldige. Ich glaube, das hast du verloren.“ Verunsichert streckte er seinen Arm aus und hielt ihr die große Schleife entgegen. <br />
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Einige Momente verstrichen, scheinbar ohne, dass sie reagierte. Dann drehte sie sich langsam zu ihm um. Ranma spürte sein Herz einige Takte schneller schlagen. Warum war er bloß so nervös? Mit einer eigenartigen Spannung wartete er ab, bis sie sich ihm vollständig zugewandt hatte. Ihre langsame und doch so kurze Bewegung dauerte schier eine Ewigkeit. Erst erkannte er ihr Profil, das kleine Stupsnäschen, die langen dunklen Wimpern, das zarte Kinn. Und plötzlich schaute er ihr direkt in die Augen. Das warme Braun glänzte, als die Lider sich noch weiter hoben und mehr von dieser wunderschönen Farbe freilegten.<br />
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„Ranma....!!“ ertönte die ihm so vertraute Stimme.<br />
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Sein Mund öffnete sich unwillkürlich, doch er brauchte einige Sekunden, ehe er es zustande brachte, einen Ton herauszubringen. „Akane... Das.... DU warst es. Du warst es doch!“<br />
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Lange Momente der Stille zogen vorüber, als ein leichter Wind aufwehte. Fassungslos schauten die beiden Liebenden sich gegenseitig ins Gesicht, unfähig etwas zu sagen oder sich zu bewegen.<br />
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„Wa-warum...“ setzte Akane schließlich mit schwacher Stimme an. „Warum... können wir nicht den Tag ergreifen?“<br />
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„Es ist tatsächlich so einfach glücklich zu sein“, antwortete Ranma beinahe automatisch. Zum ersten Mal traute er sich nun, ohne Scham ihr Gesicht genau zu betrachten und bei der erneuten Feststellung, wie hübsch sie doch ist, zu lächeln. Er wollte ihr so vieles sagen, er hatte ihr vieles zu sagen, doch ihm steckte ein schwerer Klos im Hals. <br />
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„Es tut mir leid Ranma, ich war nicht ehrlich zu dir.“ Leise begann Akane zu weinen.<br />
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„Ich selbst war nicht ehrlich zu mir“, sagte Ranma daraufhin sanft und schaute dann verlegen zu Boden. Zu deutlich spürte er die längst aufgestiegene Röte. Aber nein, diesmal nicht! Er wollte nicht die selben Fehler begehen wie zuvor. Diesmal wollte er mit ihr reden. ’Es ist tatsächlich so einfach glücklich zu sein!’ <br />
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„Akane“, sagte er mit so fester Stimme wie nur irgend möglich und schaute zu ihr auf. Als er den nassen Glanz in ihren Augen sah, musste er schlucken. „Ich... ich weiß nicht, warum du hier bist, warum ich dir gerade hier begegne. Ich weiß nicht, ob das alles real ist. Es ist so verrückt. Aber eines sollst du wenigstens wissen...“ Vorsichtig trat er näher auf sie zu und streckte zitternd seine Hand nach ihr aus, um ihr eine Träne aus dem Gesicht zu streichen. <br />
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Die plötzliche Berührung durchzuckte ihren ganzen Körper. Laut und stockend atmete sie ein, als er ihr zärtlich mit seinen Fingerspitzen über die Wange strich. <br />
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„Ich... ich...“ <br />
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Erwartungsvoll schaute Akane ihn an.<br />
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„Kann es so schwer sein, ihr die Wahrheit zu sagen?“ fragte er sich verzweifelt in Gedanken. „Ihre Haut ist so glatt und weich.“ <br />
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Er schloss seine Augen und alles, was seine Sinne noch wahrnahmen, war die warme Haut des Mädchens, dem er endlich alles gestehen wollte. „Die Energie wird an das Kommen und Gehen verschwendet – wie wahr“, dachte er sich bitter. Doch plötzlich fühlte er, wie Akane vorsichtig ihre Hand auf seine legte und sie sanft drückte. Langsam öffnete er seine Augen wieder und erkannte ihren hilflosen Blick; genauso fassungslos und verwirrt wie der seine. <br />
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„Akane... ich..... ich..... ich möchte dir sagen, ich..... ich danke dir.“<br />
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Verwundert und ein wenig enttäuscht schaute sie ihn an, nachdem er die Worte ausgesprochen hatte. „Wofür dankst du mir?“ fragte sie und fand sich unbeabsichtigt in ihrem gewohnt schmollenden Ton wieder. <br />
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Ranma nahm einen tiefen Atemzug. „Ich danke dir, weil du mich jeden Morgen geweckt hast. Ich danke dir, dass du dir so eine Mühe mit meinen Noten in der Schule gegeben hast. Ich danke dir, dass du dir immer solche Sorgen um mich gemacht hast. Ich danke dir, dass du für mich gekocht hast. Ich danke dir, dass du mir so oft verziehen hast, dass ich so ein Idiot bin. Ich danke dir, dass du für mich dein Leben im Hiryo Shouten Ha riskiert hast. Ich danke dir, dass du du bist...“ Er sprach alles in einem einzigen Atemzug aus und schaute sie nun mit zusammengekniffenen Augen und schnellem Atem an. <br />
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Akane war sprachlos. Alles hätte sie erwartet, nur das nicht. Ein kleines Lächeln legte sich sanft über ihre Lippen, als noch mehr Tränen in ihre Augen drangen. Was sollte sie darauf antworten? War dies nun der richtige Zeitpunkt, um ihm ihre wahren Gefühle zu gestehen? Warum war es bloß so unglaublich schwer, diese drei simplen Worte auszusprechen??<br />
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Auf einmal zog Ranma seine Hand langsam zurück und ließ seinen Kopf sinken. „Ich weiß, ich habe zu viele Fehler gemacht“, sagte er mit trauriger Stimme. „Ich hoffe nur, du weißt, dass ich mir nichts sehnlicher wünsche, als dass du glücklich bist. Mehr als jeder andere Mensch auf dieser Welt bist du..... es wert. Bitte richte Ryoga einen Gruß von mir aus.“<br />
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„Wa-was?“ stotterte Akane, als sie vollends aus dem Konzept gebracht wurde. „Was hat Ryoga damit zu tun?“<br />
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Leicht überrascht schaute Ranma kurz auf. „Er ist doch hier... bei dir.... oder nicht?“<br />
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„Nein!“ schrie Akane aus, fasste sich aber schnell wieder. „Nein“ wiederholte sie in einem sanfteren Ton. „Wie kommst du bloß darauf?“<br />
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Ranmas Augen weiteten sich. „Du... du bist ganz alleine hier?“<br />
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Stumm nickte Akane. Plötzlich fühlte Ranma Energie, ganz viel positive Energie in seinen Körper fließen. Es war ein so gutes Gefühl. Es fühlte sich an wie Hoffnung und Kraft und Glück und Vertrautheit und... Akane. Sein Mund formte sich zu einem strahlenden Lächeln. „Du meinst... du bist nicht mit Ryoga verlobt?“ <br />
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