Drachengeist
Fluchtversuch
Siebtes Kapitel:
Fluchtversuch
Ein paar Tage lang wurde sie in der Höhle gefangen gehalten und immer von mehreren Gargoillen bewacht. Jeden Tag kam Jáy vorbei und grinste hämisch, wenn er sie gefesselt und mit finsterem oder verzweifeltem Gesichtsausdruck sah. Sie bekam irgendwelches Zeug vorge-setzt, dass sie essen sollte und das genauso widerlich schmeckte, wie es aussah und roch, doch sie aß es, denn sonst würde sie ja nichts bekommen. Zum Glück bekam sie wenigstens Wasser und nicht etwas das so war, wie das Essen.
Doch irgendwann waren ihr Bein und die Verletzungen verheilt und sie konnte wieder ohne die Schiene laufen und Jáy forderte an, dass fünfzehn Gargoille mit Jessica zusammen wieder nach den Drachengeist-Diamanten suchen sollten. Die Gargoille banden ihre Hände mit einem rauen Strick aus Blättern und etwas ähnlichem wie Stroh zusammen und schuppsten sie vor sich her. Sie gingen durch viele Gänge und nach etwas zehn Minuten sah Jessica tageslicht. Ihre Augen hatte sich so lange an das dämmrige Licht in der Höhle gewöhnt, dass sie die Augen zukniff, als sie nach draußen gingen. Jessica Atmete tief ein. Die Luft war so rein und frisch. Sie hatte ganz vergessen, wie sie war, denn in der muffigen Steingrotte war die Luft Salzig und sehr stickig gewesen, aber irgendwann hatte sie nicht mehr darauf geachtet und sich daran gewöhnt.
Die Umgebung war sehr grün. Viele bunte Blumen blühten am Rand einer Waldlichtung, die etwas von einer Plantage hatte, denn an vielen Bäumen hing Obst und sie standen auch teilweise mehr oder weniger in Reihen.
Am liebsten hätte sich Jessica die Umgebung noch länger angesehen, aber einer der Gargoille zeigte mit seiner knochigen und ekelhaft grün-braunen Klaue gerade aus, was bedeuten sollte das sie weiter gehen sollte.
Die Sonne stand hoch am Himmel und brannte auf sie herunter. Den Gargoillen schien es nichts auszumachen, aber Jessica war nach einer halben Stunde verschwitzt und Kraftlos. Am liebsten hätte sie den ganzen Tag im Schatten eines Baumes gelegen, sich ausgeruht und vor sich hingedöst, denn sie fühlte sich völlig ausgelaugt. Es war kein Wunder, denn sie war lange nicht mehr draußen gewesen und gelaufen; sie war nur in der Höhle gefangen gehalten und oft an eine Felswand gebunden worden. Die Gargoille mussten einsehen, dass sie eine Pause machen mussten!
„Ich hab durst!“, rief Jessica erschöpft und blieb stehen. Die Gargoille die vor ihr gelaufen waren blieben ebenfalls stehen und drehten sich um. Einer sah sich um und entdeckte weiter unten in einer Art Tal einen Fluss. Er sprach mit den komischen Lauten in ihrer Sprache zu den anderen. Einer antwortete ihm und sie gingen hinunter ins Tal.
Jessica ließ sich am Ufer des Flusses auf die Knie fallen. Ihre Hände wurden von dem Strick befreit, sodass sie mit ihnen Wasser schöpfen konnte. Sie schöpfte immer wieder Wasser und schlürfte es gierig aus ihren Händen. Sie hatte sich gefühlt, als wäre sie kurz vor dem verdursten. Sie hatte am Tag zuvor etwas Wasser bekommen, aber seid dem nicht mehr. Sie fragte sich wie spät es mittlerweile war und wie lange sie in der Höhle gefangen gewesen war, als ihr ein Gedanke kam: „Sie haben den Strick losgemacht und somit könnte ich jetzt weglaufen! Soll ich es versuchen? Ich könnte noch etwas warten und Kraft schöpfen. Dann könnte ich schnell durch den Fluss rennen und entkommen. Wenn ich glück habe, binden sie mir die Hände nicht sofort wieder zusammen, aber wenn ich zulange hier knie und trinke werden sie mich wahrscheinlich zum weitergehen zwingen. Dass heißt, ich muss mich beeilen und schnell meine Kraft sammeln!“
Sie versuchte ihre ganze Energie zusammeln. Als sie meinte nicht mehr länger warten zu können und genug Kraft zu haben sah sie kurz über ihre Schulter nach den Gargoillen. Einige standen oder saßen nur herum, redeten mit anderen oder blickten sich nur gelangweilt um. „Wenn Jáy wüsste, dass die nur rum sitzen und nicht auf mich aufpassen, würde er sicher ausflippen! Wahrschein-lich sind sie auch zu dumm, um daran zu denken, dass ich versuchen könnte zu fliehen!“
Aber einer stand wachsam ein bis zwei Meter hinter ihr und lies sie nicht aus den Augen. „Jetzt oder nie!“, dachte Jessica und sprang auf. Sie sprang mit wenig Anlauf vom Ufer ab und ihr Fuß landete plätschernd im Wasser. Sie hatte glück, dass der Fluss nicht so breit war, denn mit dem nächsten Sprung hatte sie die andere Seite schon erreicht. Die Gargoille standen erschrocken auf und liefen ihr hinterher. Sie waren sehr schnell und flink, aber sie hatten zulange gebraucht um über den Fluss zu kommen, denn Jessica war schon ein ganzes Stück gesprintet und wurde immer schneller, doch sie wusste, dass nicht mehr viel Ausdauer hatte und dieses Tempo nicht lange beibehalten konnte. Sie hatte keine Wahl: Entweder sie würde sich von den Gargoillen wieder einfangen lassen oder sie musste irgendwo ein Versteck finden, in dem sie vor ihnen geschützt war. Sie sah sich um und suchte nach etwas, in dem sie sich verstecken konnte, aber sie musste auch aufpassen, dass die Gargoille sie nicht einholten. Doch jedes Mal, wenn sie sich umdrehte, hatten sie mehr Vorsprung aufgeholt. Wahrscheinlich war sie wirklich langsamer geworden und hatte sich das nicht nur eingebildet. Sie war schon jetzt völlig außer Atem und hatte Seitenstiche, aber natürlich konnte sie nicht aufhören zu laufen. Normalerweise wäre sie 20 Kilometer in diesem Tempo gelaufen, aber weil sie viel von ihrer Kondition verloren hatte würde sie wahrscheinlich nicht mal vier schaffen; normalerweise hätte sie auch viel getrunken und gegessen, aber sie hatte während der Zeit, in der sie gefangen war, nur jeden Tag drei Mal was zutrinken und einmal eine halbe Schüssel, die aus Stein war, mit dem ekligen Fraß bekommen.
Die Sonne quälte sie weiter und ihre Seitenstiche wurden immer doller.
„Bloß nicht hinfallen! Nicht hinfallen! Denk nicht daran, dass du am Verdursten und ausgehungert bist! Denk nicht daran, dass die Sonne die fast verbrennt! Denk nicht daran, dass grüne Monster hinter dir her rennen und dich bald eingeholt haben!!!!!!“
Natürlich wusste sie, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb, aber es war ihre einzige Möglichkeit: Sie rannte in den Wald. Als sie sich umdrehte und den Waldrand nicht mehr sehen konnte ging sie zu dem nächst besten Baum und kletterte an ihm hoch. Verwunderlicher-weise waren die Gargoille noch nicht in Sicht, aber sie konnten nicht weit sein, da sie nur kurz hinter ihr gewesen waren. Sie war schon am nächst größeren Ast angekommen, als sie die laute der Gargoille hörte. Sie hatten sich Aufgeteilt, um nach ihr zu suchen, doch Jessica verstand nicht, warum sie nicht gesehen hatten, wohin sie gerannt war. Sie beeilte sich mit dem Hochklettern, damit sie sich schnell hinter den Blättern der Baumkrone verstecken konnte. Ein besseres Versteck gab es derzeit nicht. Sie hoffte, dass die Gargoille auch nicht klug genug waren, um in den Baumkronen nachzusehen, denn dann würde sie entdeckt werden und konnte und wollte sich nicht einmal ausmachen, was dann mit ihr geschehen würde.
Endlich in der Krone des hohen Baums, versteckt zwischen den Blättern angekommen, atmete sie schon ruhiger. Sie hörte die Laute eines Gargoille sehr nahe. Hoffentlich hatte es sie nicht gesehen!
Sie wartete immer noch. Es war schon mindestens eine dreiviertel Stunde vergangen, aber die Gargoille hatten sie immer noch nicht entdeckt. Sie hörte noch einmal ihre Laute, doch dann waren sie still. Sie wartete noch einmal zehn Minuten, dann kam sie vom Baum runter. Sie hatte recht gehabt: Sie waren verschwunden!