Fanfic: Linn
Kapitel: Falle
Während unsere Truppe also mit mehr oder weniger wichtigen Themen beschäftigt war, hatte sich Sesshoumaru in einem anderen Teil des selben Gebiets niedergelassen. Er brauchte etwas Zeit zum Nachdenken. Die letzte Begegnung mit seinem verlausten Halbbruder und dessen Sippschaft hatte ihn ein wenig aus der Bahn geworfen. Und das lag diesmal nicht an dem nervtötenden Kinkerlitzchen des Halbdämons. Von dieser niederen Kreatur hatte er sich noch nie beeindrucken lassen. Es war dieses Mädchen gewesen. Anfangs hatte er sie nur für einen weiteren Zugang dieses Wanderzirkus gehalten, doch der erste Eindruck konnte manchmal täuschen...
Nachdenklich besah er sich ein weiteres Mal seine linke Hand. Die Wunde war schon fast wieder völlig verheilt doch die Demütigung blieb. Er hatte sich von einem Mädchen vorführen lassen. Vor den Augen dieses hämisch grinsenden Halbbluts.
„Ich habe sie unterschätzt, aber das passiert mir nicht noch mal. Ich werde diesem Gör Manieren beibringen.“, überlegte er grimmig.
Doch da war noch etwas. Was hatte sie ihm im Wald entgegengeschleudert? Dieses Mädchen sollte Inu Yasha’s Schwester sein? Das konnte nur ein Scherz gewesen sein! Schwester... das würde ja bedeuten... Ach, warum kümmerte er sich eigentlich um dieses dumme Geschwätz?? Er hatte wichtigeres zu erledigen. Aber er musste zugeben, dass ihn der Gedanke nicht so schnell losließ. Er erinnerte sich an ihre grünen Augen, die ihn finster angefunkelt hatten nachdem sie ihre Fänge in seiner Hand vergraben hatte. In ihren Adern floss eindeutig dämonisches Blut und auch sonst war sie Inu Yasha nicht unähnlich. Seine Laune verschlechterte sich zusehends als er daran dachte, dass er sich ab jetzt mit zwei von dieser Sorte herumplagen müsste.
Ein leises Knacken riss ihn unsanft aus seinen Gedanken. Blitzschnell richtete er sich auf. Er war unaufmerksam gewesen. Irgendetwas verbarg sich in dem dunklen Dickicht um ihn herum und es war ihm schon beunruhigend nah gekommen. Grundsätzlich kümmerte sich Sesshoumaru wenig um eventuelle Gefahren, die auf ihn lauern könnten. Als Dämon war er von Natur aus wachsam, aber es gab nur wenige Kreaturen, die ihm wirklich gefährlich werden konnten. Warum sich also grundlos den Kopf zerbrechen? Vielleicht war es auch nur dieser Tölpel Yaku, der wieder zu ihm zurückgekrochen kam. Der Gnom war außer als Fußabtreter wirklich zu gar nichts zu gebrauchen!
Doch sein Instinkt verriet ihm, dass es sich hier um etwas mächtigeres handelte. Seine Sinne waren bis auf Äußerste geschärft und er nahm jede Bewegung und jeden noch so kleinen Laut des Waldes wahr. Plötzlich lösten sich die Umrisse einer merkwürdigen Gestalt aus dem Unterholz. Ein Wesen, das aussah wie ein großer, weißer Pavian mit einer blauen Gesichtsmaske kam langsam auf Sesshoumaru zu.
„Naraku!“, zischte Sesshoumaru. Für einen kurzen Moment war er verblüfft über dessen Auftauchen gewesen, doch schnell fand er wieder zu seiner alten Gleichgültigkeit zurück.
„Was verschafft mir das Vergnügen?“, fragte er mit hörbar sarkastischem Unterton.
„Sesshoumaru. Ich habe dich aufgesucht um mit dir zu sprechen.“, sagte Naraku und selbst einem so mächtigen Dämonen wie Sesshoumaru ließ der Klang seiner Stimme einen Schauer über den Rücken laufen.
„Ach, und worum handelt es sich? Sprecht schnell! Ich habe wichtigeres zu tun als hier mit Euch zu plaudern.“, gab Sesshoumaru scheinbar unbeeindruckt zurück.
Eine Weile sprach sein Gegenüber kein Wort und Sesshoumaru wurde langsam ungeduldig.
„Was ist jetzt?!“, fauchte er erbost.
„Du hast mich enttäuscht, Sesshoumaru.“, entgegnete Naraku.
Er musste sich verhört haben.
„Ich soll Euch enttäuscht haben? Wovon sprecht Ihr?“, fragte Sesshoumaru gereizt. Langsam wurde ihm dieses Spielchen zu bunt.
„Ich habe dir befohlen mir diesen Inu Yasha vom Hals zu schaffen. Ich habe dir meine stärksten Kreaturen zur Verfügung gestellt, damit du diesen Schandfleck ein für alle mal beseitigst, aber ich habe mich wohl in dir getäuscht. Du scheinst einfach nicht fähig zu sein diesen simplen Auftrag zu erledigen...“. sprach Naraku. Durch die Maske vor Naraku’s Gesicht konnte Sesshoumaru dessen Mimik nur erahnen, aber er konnte das hämische Grinsen darunter förmlich spüren. Eine unbändige Wut begann in ihm aufzusteigen. War diese Kreatur wirklich schon so größenwahnsinnig geworden, dass sie sich erlaubte mit ihm wie mit einem niederen Bediensteten zu sprechen?
„Eine solche Abmachung hat es nie zwischen uns gegeben. Ich lasse mich nicht von einer Gestalt zum Bückling machen, die sogar zu feige ist, mir ihr wahres Gesicht zu zeigen.“, brachte Sesshoumaru hervor und er bemerkte mit Widerwillen, dass seine Stimme vor Wut leicht zitterte.
Ein kaum hörbares Lachen, das durch und durch mit Hass erfüllt war, drang unter Naraku’s Verkleidung hervor.
„So, der mächtige Sesshoumaru, Sohn von Inu Taishou, ist sich also zu fein für eine Zusammenarbeit mit einer erbärmlichen Gestalt wie mir? Du könntest es nicht ertragen mein wahres Gesicht zu sehen! Niemand kann sich auch nur ansatzweise mit meiner Macht messen. Das wirst du noch zu spüren bekommen...“, sagte Naraku und seine Stimme war jetzt nicht mehr als ein unheimliches Flüstern.
Es war pure Provokation, doch Sesshoumaru war mittlerweile so von Wut erfüllt, dass er nicht mehr klar denken konnte. Ohne zu überlegen ging er auf Naraku los, fest entschlossen ihm eine Lektion zu erteilen. Er setzte mit seinen messerscharfen Krallen zum Schlag an und verpasste seinem Gegenüber einen verheerenden Hieb. Doch irgendetwas stimmte nicht. Warum hatte sich Naraku kein Stück bewegt. Sesshoumaru war zwar schnell, aber trotzdem hätte sein Gegner ihm in irgendeiner Form ausweichen können. Seine Reaktion konnte doch nicht so langsam sein... Außerdem schien ihm der Schlag überhaupt nichts ausgemacht zu haben. Er stand felsenfest vor ihm und hatte keine sichtbaren Verletzungen davongetragen. Wie war das möglich??
Plötzlich begann sich Naraku’s Gestalt vor Sesshoumaru’s Augen langsam aufzulösen.
Hatte er ihn besiegt? Das war zu einfach...
Doch bevor er weiter darüber nachdenken konnte, spürte er wie eine starke Energiewelle von hinten auf ihn zukam. Er hatte nicht mehr die Zeit sich umzudrehen, doch aus dem Augenwinkel sah er wie eine blau schimmernde Kugel, die aus purer Energie zu bestehen schien, auf ihn zuraste. Im selben Moment fühlte er den Aufprall und alles um ihn herum wurde plötzlich unscharf. Er konnte nur noch ein buntes Flimmern erkennen und in seinen Ohren klingelte es. Er spürte keinen Schmerz. Nein, alles schien ganz leicht zu werden.
„Ist das das Ende??“, ging es ihm durch den Kopf.
Er schloss die Augen und ließ sich fallen.
Ganz hinten in seinem Kopf hörte er wieder dieses hasserfüllte Lachen. Er lachte ihn aus...