Fanfic: Alles aus Liebe

sich siegesgewiss. Doch Sieger wovon?
„Wenn du mich dann in ruhe lasst: Ja“, entgegnete Kaiba kalt. Demonstrativ drehte er seinen Kopf in eine andere Richtung.
„Warum sagst du, dass ich gehen soll, wenn du eigentlich willst, dass ich bleibe?“, fragte die Schwarzhaarige besorgt und sich vollkommen bewusst, dass sie die Wahrheit gesagt hatte. Er wollte nicht allein sein. Er wollte sich nicht mit dem auseinandersetzen, was ihn so sehr schmerzte, dass seine Seele vor Leid überquoll, dass die bloße Erinnerung daran seine Augen mit unsichtbaren Tränen zierte.
Seto antwortete nicht. Er sah sie nicht einmal an. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte je-mand erkannt, was er wollte: nämlich nicht alleine sein. Er hasste die Einsamkeit, denn sie war ein wortkarger Begleiter. Sie ließ ihn in sich kehren, doch was er dort sah, ließ ihn schau-dern, denn in seinem Inneren herrschte ein Chaos aus den Erinnerungen seiner Vergangenheit – und keine von denen ließ ihn auch nur lächeln. Er hatte so viel Grausamkeit erlebt, dass die wenigen Sekunden der Glückseligkeit darin untergingen und in Vergessenheit geritten.
„Seto?“, sie nannte ihn absichtlich beim Vornamen. Sie wusste nicht, warum sie es früher nie getan hatte, für ihn war sie doch immer Ishizu gewesen, nie Nishtar. Doch sie hatte ihn immer nur Kaiba genannt. Der Nachname eines berühmten Firmenleiters, der hochnäsig, gefühllos und arrogant war. Doch war er das wirklich? Hatte sie nicht in seinen Augen lesen können, wie viel Schmerzen er schon ertragen hatte müssen? War er dadurch etwa so hart geworden?
„Seto?“, flüsterte sie leise.
Die Nacht war vollends über Ägypten eingebrochen und Sterne schickten Lichtstrahlen aus, damit die Menschen sich nicht vor der Dunkelheit fürchten brauchten. So leuchteten sie auch für die Grabwächterin und den Firmenleiter, dessen Herz für die gesamte Menschheit nur als ein Stück Stein darstellte oder einen Klumpen Eis, doch war es nicht. Es war nur vor langer Zeit in einem Meer aus Leid fast ertränkt worden und erholte sich davon nur ziemlich lang-sam.
Ishizu wollte ihre Hand auf seine Schulter legen, doch im letzten Moment zog sie sie doch zurück. Was war bloß mit ihr los? Sie fühlte sich so komisch, ein wenig schwindlig sogar. Sie sah zu Seto hin. Ein leichter Wind wehte, sodass die braunen Haare und der Kragen des wei-ßen Hemdes sich in dessen Rhythmus bewegten. Ishizu wollte zurück unters Deck, vielleicht kam der leichte Schwindelanfall davon, weil sie seekrank war. Sie konnte sich das nicht erklä-ren, weil sie schon so oft mit einem Boot, einer Fähre, oder auch einem Schiff gefahren war, und da war nie so etwas vorgefallen. Sie setzte vorsichtig ihre Füße auf eine Sprosse der Lei-ter, als sie plötzlich den Halt verlor. Ein Fuß war so plötzlich abgerutscht, dass sie drohte zu fallen. Sie fühlte sich an einem Handgelenk und um die Taille gepackt und zurückgezogen. auf das Dach der Steuerkabine. Kaiba hatte sich just in den Moment wieder umgedreht, als sie gehen wollte. Als er sah, wie sie das Gleichgewicht verlor, überlegte er nicht lange, sondern war mit schneller Geschwindigkeit aufgesprungen und hatte sie einfach in seine Arme ge-schlossen. Mit dem schnellen Ruck, der ihn nach vor schnellen gelassen hatte, fiel er auch wieder zurück.
Sie weinte. Sie hatte so viel Angst empfunden, als ihr plötzlich klar wurde, dass sie keinen Halt mehr hatte, dass sie in nur einen Bruchteil einer Sekunde fallen würde. Sie hatte nicht daran geglaubt, dass sie diesem Sturz entgehen würde. Sie legte ihren Kopf in seine Halsbeu-ge. Tränen rannen ihre Wangen hinunter und fielen auf seine Haut.
Für einen kurzen Moment hob sie ihren Kopf. Sie sahen sich gegenseitig in ihre blauen Au-gen. Hätte Ishizu nicht durch die Tränen verschwommen gesehen, hätte sie in dem sonst so eiskalten Blick Kaibas ein Gefühl entfacht gesehen, dass er selbst nicht erklären konnte, von dem er nicht einmal wusste, was es war, denn Liebe kannte er nicht. Doch so gab sie sich ih-rer Angst hin und weinte. Ihr war noch schwindliger geworden.
Seto sagte kein Wort zu ihr. Er hielt sie nur fest und würde sie auch so lange halten, bis dieser Traum, der keiner war, zu Ende ging. Er wollte es nicht fassen, dass er hier nachts eine Frau in den Armen hielt, die ihn zuvor nur Kopfschmerzen bereitet hatte.