Am Rande der Nacht

insistierte Nick.
„Das ist mir egal. Schlaf gut“, trällerte ich und gab Gas, bevor er auf die Idee kam, mir vor’s Motorrad zu springen. So schnell ich konnte ließ ich das Villenviertel hinter mir und sauste zurück in die normale Welt. Ganz gleich, ob Jazz überhaupt zu Hause war, sie war ein normaler Mensch. Mit einem Haufen Ecken und Kanten zugegeben, aber magische Kräfte hatte sie nicht. Ein Gedanke, der schon allein die Fahrt zu ihr zu einer Wohltat machte.
Unter Missachtung sämtlicher mir bekannten Verkehrsregeln erreichte ich ihre Wohnung in weniger als einer viertel Stunde. Meine Laune hob sich schlagartig, als ich sah, dass sogar noch Licht bei ihr im zweiten Stock brannte. Wie im Fluge brachte ich die Treppen hinter mich, zückte noch im Laufen mein Handy und wählte ihre Nummer. Um diese Zeit zu klingeln wäre glatter Selbstmord gewesen. Immerhin wohnte sie noch bei den Eltern. Da wusste man die Erfindung des Vibrationsalarms erst richtig zu schätzen.
Ein paar kurze Phrasen später ging auch schon die Tür auf. Yasemin hatte eindeutig nicht mehr mit Besuch gerechnet. Sie trug bereits eines der überdimensionierten T-Shirts, in denen sie immer schlief. Die langen Haare, sonst hoch am Kopf zu einem Pferdeschwanz gebunden, standen ihr offen vom Kopf und verknoteten sich auf halber Länge. „Komm rein“, flüsterte sie schon ziemlich müde und hauchte mir eine Mischung aus Zahnpasta- und Abendessensgeruch entgegen. „Ich hab noch ferngesehen.“
Auf Zehenspitzen schlichen wir in ihr Zimmer, wo wir uns auf dem Bett einnisteten und gemeinschaftlich den Fernseher anstarrten. Den Film kannte ich nicht und die Hochzeitsgesellschaft, die gerade über den Bildschirm flimmerte, erklärte auch warum.
„Ne Klassenkameradin meinte, vielleicht hilft mir das, mich weiblicher zu benehmen“, sagte Jazz entschuldigend, bevor ich mich über das für sie untypische Programm wundern konnte, „Echt öde, das Zeug. Ich kann mit Liebesfilmen einfach nichts anfangen.“
„Bist du deshalb so müde?“, lachte ich.
„Yaaah“, gähnte sie. „Erinner mich dran, dass ich niemals heirate. Gott, ist das langweilig. Das Problem ist, ich hab versprochen, den doofen Film bis zum Ende zu gucken.“ Wir verdrehten gleichzeitig die Augen.
„Okay, bringen wir’s hinter uns“, seufzte ich theatralisch.
„Wer als Erster einschläft, zahlt den Alk für’s nächste Besäufnis.“
Das konnte teuer werden, so müde wie ich war. Schließlich waren wir beide mehr als trinkfest. „Wie steht’s mit Doping?“, fragte ich hoffnungsvoll.
„Ist noch Kaffee in der Küche. Ich hab zwei Tassen Vorsprung.“
Erneut durchquerte ich die kleine Wohnung auf Zehenspitzen, schloss lautlos die Küchentür hinter mir und machte Licht. Tasse und Kaffeekanne waren schnell gefunden. Doch dazu, mir etwas von der braunen Brühe einzuschenken, kam ich nicht. Zwei aschfahle Gesichter, drückten sich von draußen gegen die Fensterscheibe und schauten zu mir hinein. Dunkle, fledermausartige Flügel machten es den dazugehörigen Körpern möglich, sich auf dieser Höhe zu halten. Der Kaffee lief an der Tasse vorbei, ohne dass ich auch nur ansatzweise davon Notiz nahm. Ich schloss die Augen, öffnete sie wieder. Keine Ermüdungserscheinungen. Die Drei aus dem Aufzug waren immer noch da. Nun, zumindest zwei von ihnen. Das Muskelpaket fehlte. Hämisch lächelten die beiden Verbliebenen zu mir hinein. Ich ließ die Tasse fallen. Das Klirren, das sie verursachte, als sie auf dem Boden aufschlug, fiel mit dem der zerberstenden Fensterscheibe zusammen.