Am Rande der Nacht
eingeholt habe, liegt er bis zum Kreuz unter meinem Bett und tastet darunter umher. „Was soll die Scheiße?!“, donnere ich, doch wieder reagiert er nicht, schrickt sogar zusammen, als ich ihn packe, hervor- und auf die Beine ziehe.
Das, was er da unten[/i] gefunden hat, hält er mit aller Kraft fest. Ziemlich irritiert begutachte ich das große, fest verschlossene Einmachglas, das zu vielleicht zehn Zentimetern mit Wasser gefüllt ist. Etwas glimmt darin, schwach und in sehr dunklem Orange. Vorwurfsvoll blickt er zu mir hinauf, ganz so, als ob ich etwas dafür könnte, dass es in dem Glas so komisch aussieht. Er entwindet sich meinem Griff, schnappt sich ein kleines Ringbuch aus meiner Nachttischschublade, von dem ich nicht einmal wusste, dass ich es besitze, reißt die erste Seite heraus und schreibt. Das Papier wirft er zusammengeknüllt in einen der vielen Blumentöpfe, die Jazz hiergelassen hat. Dann stürmt er, das Glas in beiden Armen und jetzt wirklich weinend, zur Tür hinaus.
Ich bin sprachlos. Was war das? Neugierig falte ich das Blatt wieder auseinander. Richte Kori aus, er kann sich bei mir melden, wenn dieses feige Arschloch aus seiner Wohnung ausgezogen ist. Nico.
Ein ungutes Gefühl beschleicht mich. Woher kennt er mich? Habe ich einen Doppelgänger? Tue ich Dinge, von denen ich nichts weiß? Lieber nicht weiter drüber nachdenken. In dem Augenblick, da ich die Wohnungstür schließe, habe ich ihn schon fast wieder vergessen. Das Ringbuch werfe ich weg. Vielleicht weiß ein Teil von mir, dass meine Erinnerungen nur allzu leicht daraus zu entnehmen wären.
Immer noch hing Nicks Faust in der Luft. Er hatte klopfen wollen. Warum auch das Naheliegendste tun und die Klingel benutzen? Reglos stand ich da und starrte. Starrte in diese unverkennbaren, mandelförmigen blauen Augen, von denen ich bis eben gedacht hatte, es gäbe sie nur einmal. Anscheinend lief ich blind durch die Weltgeschichte. Jetzt jedoch sah ich es deutlich: Nick und der Taubstumme waren sich wie aus dem Gesicht geschnitten, wenngleich Nick – wie ich zu meiner Erleichterung feststellte - wesentlich blasser und schmaler war. Und noch etwas dämmerte mir. Nicolas und Nicolai waren so ziemlich die beschissensten Namen, die man sich für ein so ungleiches Zwillingspaar ausdenken konnte. „Sag was“, bettelte ich förmlich.
Jetzt war es an ihm, verwirrt zu schauen. „Äääh... Ähhh, ach Mann, Kori, das geht nicht so auf Knopfdruck. Jetzt bin ich total gehemmt! Wie soll ich da was sagen?“
„Du sprichst schon“, teilte Rick ihm unterkühlt mit. Mein Rucksack schien mir mit einem Mal Tonnen zu wiegen.
„Nanu? Was ist denn bei euch los?“, fragte Nick, „Ehekrach?“
Keiner von uns antwortete. Mein Mitbewohner hatte den Kopf gesenkt und die Fäuste geballt, derweil ich selbst dastand und mit mir rang. Und diesen Verlust werden wir ohne Abzüge an dich weitergeben. Ich traute den beiden verbliebenen Blutsaugern durchaus die Kreativität zu, die nötig war, um mein Leben vollkommen zu zerstören.
Dennoch nagte mein Gewissen hartnäckig an der Entschlossenheit, die ich eben noch an den Tag gelegt hatte. Rick mochte nicht der beste Freund sein, den ich hatte, aber auf jeden Fall der loyalste und ich hatte nichts Besseres zu tun, als ihn hinter’s Licht zu führen. Doch da war immer noch die Drohung des Eismagiers. „Hör zu, es tut mir leid, dass ich dich angelogen habe“, begann ich, mich zu rechtfertigen und ließ endlich seinen Arm los.
„Aber.“, sagte er und sah auf. Aber. Punkt. „Du wirst schon wissen, was du tust.“
Wie konnte jemand, der drei Jahre jünger war als ich, auf mich so einschüchternd wirken? Ich konnte mir förmlich dabei zusehen, wie ich schuldbewusst zusammenschrumpfte. Der Taubstumme kam mir wieder in den Sinn. Sein gekränkter Gesichtsausdruck, als ich mich nicht mehr an ihn erinnert hatte. Was immer ihn und mich verbunden hatte, ich hatte es mit Füßen getreten. Würde ich nicht denselben Fehler noch einmal machen, wenn ich jetzt meinen Mitbewohner verriet? Es musste irgendwie anders gehen, entschied ich. Ich nickte. Ja, ich wusste, was ich tat, zumindest redete ich mir das ein, als ich den Rucksack öffnete und die Asche dem Zentauren zurückgab, der so tapfer darum gekämpft hatte.
„Tut mir leid“, knirschte ich mit aller Aufrichtigkeit, die ich aufbieten konnte. Wenn es überhaupt etwas gab, worin ich noch schlechter war als im Trösten, dann war es höchstwahrscheinlich das Entschuldigen.
Rick blieb skeptisch, sah prüfend zu mir hinauf und dann wieder zu dem Staubsaugerbeutel in seiner Hand hinunter. „Mann, das ist ja nicht auszuhalten mit euch!“, schaltete sich Nick da ein, schnappte sich kurzerhand je eine unserer Hände, verhakte sie ineinander und schüttelte das Ganze kräftig. „Friede jetzt. Was macht ihr denn so einen Aufstand wegen einem ... was ist das überhaupt... Gehört das nicht zu nem Staubsauger?“
Wir begannen zu lachen. Jetzt, da Nick uns darauf aufmerksam machte, war die Situation wirklich verdammt komisch. Etwas verdutzt stimmte er ein. Fast ein Glücksfall, dass er hier aufgetaucht war. Moment, Glücksfall? „Was willst du eigentlich hier“, entsann ich mich dessen, was ich von derlei Besuchen hielt.
„Du schuldest mir immer noch eine Frau“, beharrte er auf unserer alten Abmachung und stemmte die Hände in die Hüften. „Und versuch jetzt bloß nicht, dich wieder mit deiner Pseudologik herauszureden. Nochmal fall ich darauf nicht rein! Ha!“
„Denn?“
„Denn was?“
„Nochmal fällst du darauf nicht rein – ha – denn...?“
„Denn... Denn ich bin klug, auch wenn du immer so tust, als wäre ich ein - “
„Unterbelichteter Volltrottel?“
„LASS mich ausreden! Ein unterbelichteter Volltrottel, aber das bin ich nicht, weil...“
Ich schaltete auf Durchzug. Würde das denn nie aufhören? Langsam kam mir der Verdacht, das Frauenaufreißen sei nur noch ein Vorwand für ihn, um mir auf die Nerven zu gehen. Der Kerl brauchte Beschäftigung. Durchaus verständlich, wenn man’s recht bedachte. Nick Leben hätte zumindest mich ganz schön gelangweilt.
Ich dachte an das Papier in meiner Hand und plötzlich kam mir eine Idee. Vage zunächst, doch dann zunehmend klarer. Vielleicht konnte ich, bis der Geiger in meinem Bett erwachte schon zwei meiner Sorgen loswerden. „Also gut, wir suchen dir ne Frau“, seufzte ich ergeben, „Ich weiß auch schon wo. Ich hab da so’n Café aufgetan...“
„Was, jetzt gleich?“ Misstrauisch lupfte Nick eine Augenbraue.
„Na anders wird man dich doch nicht los.“ Rick bedachte mich mit einem wissenden Seitenblick. „Ich geh dann mal Babysitten“, zog er sich aus der Affäre und schloss die Tür, während Nick meine Argumentation voll und ganz überzeugt hatte. „Los, gehen wir mich loswerden!“, weckte er meine Nachbarn, indem er durch’s Treppenhaus jubelte.
„...Nichts, was ich lieber täte“, erwiderte ich nüchtern und folgte ihm hinunter.
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So, da habt ihr wieder eins. Entschuldigt den gelegentlich schnulzigen Stil. Ich habe, als ich das Kapitel geschrieben habe, erstens ein philosophisches und zweitens ein unglaublich schlechtes, kitschiges Buch gelesen und beides hat ein wenig abgefärbt, fürchte ich.
Was die toten Fische angeht... So langsam kann man, denke ich, erahnen, was es mit diesem Taubstummen und Kori auf sich hat, oder vielmehr hatte. Ein Puzzleteil fehlt aber noch *fg*.
Die Uploads werden leider so spärlich bleiben, fürchte ich. Ich hänge in einem absoluten Krea-Tief, bedingt durch Unistress (Ja, seit dem Bachelor gibt es sowas. Willst du diese Rose? *blök*) Was wollte ich...? Ach ja, an dieser Stelle mal wieder ein dickes Dankeschön an Mei für's treue Kommentieren und ein leises, aber nur ganz leises, Grummeln an euch heimliche Leser, wenn ihr denn existiert.