Am Rande der Nacht

unbeeindruckt von seinen Worten war, wie ich mich gab.
Mein Gegenüber achtete nicht darauf. „Du solltest dich lieber aus diesen Dingen heraushalten“, fuhr er mahnend fort. „Es ist bedauerlich, dass ausgerechnet sie ausgerechnet dich angefallen hat, aber unsere Angelegenheiten brauchen dich nicht zu kümmern. Du bist ein Drache. Was immer uns die Asche bedeutet, du brauchst dir darum keine Gedanken zu machen. Unter uns gibt es nur wenige Verrückte, die Drachenblut zu sich nehmen.“ Der bezeichnende Blick, den er bei diesen Worten dem Riesen zuwarf, ließ mich schmunzeln.
„Dafür dass es mich nichts angeht, seid ihr meinem Mitbewohner gegenüber ziemlich unfreundlich gewesen“, gab ich trotzdem zu bedenken, „Ich schleppe die Asche zudem gegen seinen Willen hierher, also kann sie ganz so unwichtig für uns nicht sein.“
Nick schluckte und trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Der Kerl konnte tatsächlich nicht mal die Lügen anderer unbeteiligt an sich vorbeiziehen lassen. Ich zog mit der freien Hand seine Handgelenke auf seinen Rücken, bevor er wieder verräterisch an seinen Ärmeln herumzupfen konnte.
Der Eismagier gab ein leises Seufzen von sich. „Für den kleinen Zentauren ist es das auch nicht. Er gehört schließlich zu unserer Nahrungsgrundlage, wie der Rest der Menschenähnlichen auch.“ Ich runzelte die Stirn und wartete. Mir war, als hätte ich hier eine Information bekommen, deren Tragweite ich noch nicht so recht verstand.
„Darum geht es hier“, führte er weiter aus und machte versuchsweise einen Schritt auf mich zu. Ich packte Nick etwas fester und zerrte ihn in seine Richtung. „Das heißt?“, hakte ich drohend nach.
„Dieses Mädchen…“
„Noriko“, unterbrach der Riese schneidend.
„… sie“ – er schien erst recht ihren Namen zu vermeiden, um seinen Untergebenen zu ärgern - „besitzt – nun, vielmehr besaß – Kräfte, die uns anderen unserer Art überlegen machen könnten. Dämonen, genauer gesagt. Die umstehenden Damen und Herren gehören zu einer Untergattung von Vampiren. Du kannst dir vorstellen, dass wir aufgrund unserer… nennen wir es mal gemeinsamen Zielgruppe nicht gut auf Dämonen zu sprechen sind. Und nun haben sie etwas in die Hände bekommen, was gefährlich für uns ist. Das Mädchen war unsere Antwort darauf.“
Langsam begriff ich. „Ihr teilt eure potenziellen Opfer untereinander auf“, versetzte ich trocken.
Nick wurde plötzlich wacklig auf den Beinen. Der Atem aus seiner Nase und hinter meiner Hand ging schneller als nötig gewesen wäre. Möglichst unauffällig lehnte ich mich gegen ihn und lockerte meine Hand ein wenig, damit er mehr Luft bekam. Was war auf einmal los mit ihm? Und warum trug ich Kräfte mit mir herum, die eigentlich in der Asche sein sollten, wenn das Mädchen sie doch gehabt hatte?
Ich dachte an meine geistige Abwesenheit am Vorabend, an Rick, der von Kälte gesprochen hatte, an meine Schulter und das Interesse, das der Rotschopf daran gehabt hatte. Jener Rotschopf, der spielend mit diesen beiden Tränensuchern fertiggeworden war. Nach und nach begann ich, Zusammenhänge zwischen diesen Dingen zu erkennen. Angenommen, die Kräfte des Mädchens waren irgendwie auf Rick übergegangen und von ihm auf mich…? Tatsache war zumindest, dass sein Zittern aufgehört hatte, nachdem ich in diese schwarze Leere abgedriftet war. Genauer, nachdem Lavande mich wieder daraus hervorgezerrt hatte. Ein mulmiges Gefühl stieg in mir auf. Was hatte ich mir hier eingefangen? Und wie hing es mit den Parteien zusammen, die sich darum stritten? Wie hing es vor allem mit Luv und dem Zeichen zusammen?
„Als du sagtest, ihr verliert alles, meintest du also, dass die Dämonen euch wahrscheinlich alles wegfressen, wenn ihr nicht mindestens genauso mächtig seid, wie sie“, bemerkte ich zynisch. Mein Gesprächspartner bestätigte meine Ausführungen mit einem gelangweilten Nicken.
Mich fröstelte. Kein Wunder, dass Rick die Asche nicht hatte herausgeben wollen. Es waren lebendige Menschen, um die man sich hier zankte wie um Vieh. „Mal abgesehen davon, dass ich mich frage, warum ich euch helfen sollte, meine Mitmenschen abzuschlachten“, setzte ich an, „Das, was diese Dämonen in die Hände bekommen haben, ist nicht zufällig ein Geiger mit roten Haaren und einem gehörigen Sockenschuss?“
Die bisher so gelassene Miene des Eismagiers wurde durch ein verwirrtes Heben der Augenbrauen jäh von seinem Gesicht gewischt. „Ganz sicher nicht“, sagte er mit vor Verachtung triefender Stimme, nur um dann mit einem Mal unheimlich breit zu grinsen und auf Nick zu deuten. „Nein, das, was sie in die Hände bekommen haben, ist das Gegenstück zu ihm und dass du ihn mitgebracht hast, ist der einzige Grund dafür, dass wir euch nicht schon zerrissen haben, als ihr zur Tür hereingekommen seid.“
Ein Krachen ging durch das Gebäude, kaum, dass er das letzte Wort gesprochen hatte. Was nicht niet- und nagelfest war, fiel klirrend und polternd zu Boden, während Nick gegen mich sank. Ich erhaschte einen letzten Blick in seine panikerfüllten Augen, bevor jene weiß wurden und er bewusstlos den Gesetzen der Schwerkraft folgte.